Bekannt ist ja wohl inzwischen, - zumindest bei Lesern meines ersten Buches und auch bei denen, die das vorherige Kapitel hier auf dieser Homepage ertragen hatten -, dass ich Dinge getrieben hatte, die selten auch anderen Menschen passieren, weil sie nicht das Talent zu solchen Verrücktheiten haben. Der Beweis folgt hier, mit einer weiteren fast
unglaublichen Geschichte aus dem Jahr 1968!



Ein Teil meines Fahrrads hatte die dumme Angewohnheit, das Flattern nicht lassen zu können; genauer gesagt: das vordere Schutzblech.
Das kleine, waagrechte Teil auf der rechten Seite, das das Schutzblech mit einer kleinen Schraube knapp unter der Vorderachse verbinden sollte, hatte sich auf Grund eines Bruchs von der Halteschraube getrennt, so dass ich dieses Halteteil einfach in einen kleinen Zwischenraum unter der Gabel geklemmt hatte, damit dieses Teilchen nicht nach rechts ind die Gegend ragt.

Eines Tages rollte ich gerade recht gemütlich einen stark gewundenen Asphaltweg hinunter, als sich dieses Teil aus dem kleinen Schlitz löste und heftig in der Gegend herumschwang. Ich dachte, dass das gefährlich werden könne: schließlich könnte das Ding bei einer Einwärtsschwingung zwischen die Speichen gera­ten, und dann würde ich ruck-zuck auf der Nase liegen!
Der Weg meiner rechten Hand vom tief liegenden Rennlenker bis zu diesem Teil war ja nicht weit, so dass ich mir wohl das Absteigen ersparen konnte, dachte ich, und griff also während dem Abwärtsrollen danach, um es wieder in seine vorhe­rige Position einzuklemmen.
Dabei musste ich natürlich gleichzeitig auf den gewundenen Weg achten, denn die engen Kurven folgten in recht kurzen Abständen.

Wie es dazu kam, dass ich mich urplötzlich überschlug und – mit der rechten Hand im Vorderrad festgeklemmt – auf dem Boden wieder fand, kann ich nicht eindeutig klären; wahrscheinlich hatte ich beim Achten auf den Weg eine dumme Bewegung gemacht und war mit der Hand in die Speichen gerutscht!
Jedenfalls löst so etwas natürlich eine heftige Brems­wirkung aus, die dem Hinterrad befahl, sich über den Fahrer zu erheben und diesen zu ebenso heftigem Bodenkontakt zu zwingen.
Na okay, so was kann ja mal passieren, oder?

Nur: als ich mir das Ergebnis anschaute, staunte ich echt nicht schlecht! Die rechte Hand war komplett durch die Speichen gerutscht, und die Finger standen auf der anderen Seite wieder heraus!

Die Vorderradgabel hatte den Vorwärtsschwung abrupt gebremst, denn das Handgelenk war als deutliches Hindernis zum Weiterrollen eingestuft worden; deswegen wurde ich so deftig aus dem Sattel geschmissen. Aber – man ahnt es vielleicht -, war das noch nicht alles:
Der Dynamo befand sich ein kleines Stück hinter der Vorderradgabel; und in diesem kleinen Zwischenraum war mein Handgelenk eingeklemmt, und zwar derart, dass das Gewinde unter dem Dynamo, an das die Lichtkabel angeschraubt werden, in den Innenknöchel des Handgelenks drückte!

Völlig fasziniert von dieser außergewöhnlichen Konstellation, die be­stimmt noch kein Mensch vor mir gesehen hatte und wohl auch keiner nach mir wohl je erleben würde, aber auch etwas ratlos lag ich also so da und sinnierte über die nähere Zukunft meines Radls und mir; wir beide waren ja schon immer Freunde, die aber auch oft verschiedene Wege gegangen waren bisher: der eine z.B. in die Schule, während der andere davor wartete.

Jetzt aber waren wir unzertrennlich geworden, im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich war unfähig, Vorderrad und Vorderhuf von einander zu lösen!
Ich konnte mit dieser Einigkeit auch schlecht zu meinem Unfalldoc, um das Handgelenk röntgen zu lassen; dagegen sprachen mehrere Gründe:
Erstens wusste ich nicht, wie ich das Rad huckepack mit der einge­klemmten Hand dorthin tragen sollte.
Zweitens hatte ich Bammel vor den Bemerkungen der Arzthelferinnen und auch des Docs selbst, die da in etwa so lauten würden: ‚Mit dir haben wir ja schon viel erlebt; aber das hier ist das absolut Verrückteste, was du hier bei uns abgeliefert hast!’
Und drittens hätte eine Röntgenaufnahme sowieso nicht geklappt, weil viel zu viel Metall um die Hand herum enorm gestört hätte.

Aus diesem dritten Grund musste ich mich also dringend von diesem störenden Metall trennen!
Also nutzte ich meine sitzende Position aus, in die ich mich inzwischen begeben konnte, und zog wie ein Wilder am Rad und meiner Hand. Chancenlos natürlich. Und außerdem taten diese Versuche saumäßig weh.
Und ebenso natürlich: kein Aas, nicht einmal ein Fußgänger, kam in die Nähe meines Dramas; ob gewollt oder nicht, sei dahingestellt - vielleicht gab es das damals schon: einfach Wegsehen!
Meine linke Hand startete ganz alleine den Befreiungsversuch, der ihr oblag wegen des fehlenden Interesses anderer Menschen: sie zog Speichen aus­einander (mein armes Fahrrad!), bog den blöden Dynamo in eine andere Richtung, damit sich sein unteres Ende endlich aus meinem Handgelenk lösen möge, und danach schafften es beide Hände, die eingeklemmte Rechte zwischen den verbogenen Speichen in die Freiheit zu ziehen!

Uff. Soweit also alles klar jetzt. Wie geht es dem Rest des Körpers? Ein Check ergab: Außer kleinen Prellungen nix Ernstes.
Prima! Als aktiver Sportler hatte ich auch nichts anderes erwartet: So einen Salto hatte ich zwar noch nie geübt, aber das Abrollen beim Sturz war sicher eine Instinktreaktion, die sich bei meinen verschiedenen Sportarten eingeprägt hatte.

Was jetzt aber mit dem Weiter- bzw. Heimkommen? Fahrbar war das Rad in diesem Zustand ja wirklich nicht.

Nachdem ich die Funktionsfähigkeit meines Handgelenks geprüft und fachkundig festgestellt hatte, dass es nicht gebrochen war, (solche Diagnostikfähigkeiten hatten sich während der letzten Jahre zwangsläufig eingestellt), hob ich das Rad über meine linke Schulter und trug es etwa 20 Minuten weit bis vor die Behausung meiner Eltern, stellte es dort ab und verfügte mich zu meinem lieben Unfallarzt, den ich weitere dreißig Minuten später erreichte.
Meine Eltern informierte ich natürlich nicht, die hatten eh schon viel zu viel mit mir ertragen müssen; und ohne Befund wollte ich ihnen nicht vor und unter die Augen treten; das hatte ich in den letzten Jahren auch schon so gehandhabt (und würde das auch in Zukunft so tun).

Mein Unfalldoc, der mich schon lange kannte und noch über weitere Jahre hinweg betreuen würde, stellte keinen Bruch fest; aber er und die schon etwas älteren Arzthelferinnen kamen um diese Bemerkung nicht umhin, als ich die Story des ‚Wie’ erzählt hatte: „Mit dir haben wir ja schon viel erlebt; aber das hier ist das absolut Verrückteste, was du hier bei uns abgeliefert hast! Bisher jedenfalls…“
Hatte ich es nicht geahnt?!

Die Gewindespur des Dynamos war gute 20 Jahre lang noch deutlich an meinem Handgelenk zu sehen: fünf Rillen konnte man eindeutig zählen!
Heute ist leider nur noch eine kleine, weiße Stelle zu finden, wenn man sehr genau hinschaut. Schade!
Diese fünf Gewindespuren waren nämlich ein echter Hingucker, die bei Betrachterinnen unweigerlich die Bitte auslösten: 'Erzähl' doch mal!'
Danach erfolgten meistens Heiterkeitsausbrüche in Verbindung mit einem bekannten Fingerzeig an die eigene Schläfe...
Somit wurde mir schon früh klar: Ich hab sie nicht (mehr?) alle!

Es sind aber auch ohne Gewindegänge noch so viele andere Spuren auf meinem Körper übrig geblieben, die all die Verrücktheiten meines Lebens immer noch erzählenswert machen! Nicht unbedingt attraktiv vom Aussehen her, allerdings..
.