Mitte Oktober 1971:

Ein Fußballspiel zwischen "alt" und "jung" der Belegschaft einer Regionalbank, der ich sechs Wochen zuvor als Azubi beigetreten war.


Schon wenige Tage, nachdem ich mein Ausbildung begann, wurde ich von einem Mitarbeiter aus der Buchhaltung, der sich dem Fußballsport verschrieben hatte, angesprochen: 'Kannst du mit dem Ball umgehen?"
'Na klar!' antwortete ich. 'Mit welchem denn? Hand-, Fuß-, Tischtennis- oder Billardball?'

Hans war glücklich, denn in Kürze sollte das alljährliche herbstliche Fußball-Duell zweier Mitarbeitergenerationen stattfinden, das er managen würde.

Noch glücklicher schien er, als ich die Aufzählung begann: als Verteidiger, außen im Mittelfeld und ganz hinten als Torwart hatte ich Erfahrung gesammelt.
Doch dann stutze er, und ich ebenfalls:

'Tor??? Das hat uns gerade noch gefehlt!'

Bevor ich aber sauer werden konnte wegen dieser Bemerkung, klärte er mich auf, dass ich tatsächlich ein Glücksfall war... Also nominierte er mich als Torwart. Trotz Brille.
......

Das Spiel plätscherte so vor sich hin; keine der beiden Parteien konnte sich durchsetzen - nur wenige echte Sportler begeben sich ja gerne auf die Bank, bzw. in eine!

Plötzlich aber stürmte ein Gegner der "alten" Mannschaft, (die im Schnitt 33 Jahren zählte), knapp außerhalb meines Strafraumes auf meinen Kasten zu, dazu noch mit dem Ball! Das konnte ich auf keinen Fall zulassen!

Überaus reaktionsschnell und mutig, wie ich es von mir gewohnt war, stürzte ich mich mit einem Seitwärtshechter auf den Boden vor den Ball, den ich auch absolut sicher mit Händen und Brust in meine Obhut nehmen konnte; was ich durchaus nicht immer von mir gewohnt war... Es ging auch schon mal richtig daneben.

Ich war aber überhaupt gar nicht gewohnt, dass dabei ein Fuß, der in Ermangelung von Fußballtretern in einem ledernen Wanderschuh steckte, beim unfairen Nachtreten über den Ball rutsche und meine Nase traf!
Das war ein echtes Novum; aber es gibt ja immer im Leben ein erstes Mal, und mein Leben war doch noch so jung...
Ich meine dabei nicht die Tatsache einer Unfairnis, sondern meine Nase!

Im ersten Moment war ich stolz, den Ball abgefangen zu haben; gleichzeitig spürte ich aber einen stechenden Schmerz.
Den Moment danach nutzte ich kurz zur Verwunderung, dass meine Brille unbescholten neben meinem Gesicht lag! Das hätte auch ins Auge gehen können...
Der dritte Moment sah recht rötlich aus, weil mir das Blut aus der Nase schoss, aber ich hörte dabei auch die sehr kurze Entschuldigung von Herrn Sattler, dem Danebentreter.

Ich dachte: 'Das ist ja kein Beinbruch, sondern nur eine Nase, die heftig blutete; wegen einer solchen Kleinigkeit kann ich durchaus weiter spielen!' Das waren wohl die Reaktionen eines Handballers, der gelernt hatte, so manch heftigen Schlag einzustecken; auch eine Etage tiefer als im Gesicht, insbesondere als Torwart...

Glücklicherweise stand hinter meinem Tor ein jüngerer Kollege, der mir mit einer Packung Papiertaschentüchern aushelfen konnte: ich machte einfach eine Tamponage in beide Nasenlöcher daraus! Natürlich nicht mit der ganzen Packung; soo dick ist mein Riechkolben auch wieder nicht.
Dummerweise verlor ich die Blutaufsauger jedesmal, wenn ich wieder irgendeinen heldenhaften Hechtsprung machen musste... Aber es gab ja Nachschub; die gebrauchten Reste warf ich einfach hinter meine Torlinie und stopfte mir neues Material rein.

Leider erinnere ich mich nicht daran, ob die "Alten" oder wir "Jungen" gewonnen hatten, oder überhaupt wer; aber ich hielt diese zweite Halbzeit bis zum Abpfiff durch, das weiß ich noch!

Am nächsten Morgen, als ich zur Arbeit erschien, lachten einige, weil meine Brille sehr weit vorne auf der angeschwollenen Nase saß; andere hatten gar Mitleid mit mir. Der Personalchef aber war richtig sauer: 'Sofort ab zum Arzt!'

Die Oststadtklinik lag von der Mannheimer Stadtmitte aus am nächsten, also radelte ich dorthin. Schon nach etwas mehr als einer Stunde Wartezeit kam ich dran und wurde befragt, was denn passiert sei. Der Doc legte dann beide Hände unter mein Kinn und drückte mit beiden Daumen auf meinen Nasenrücken, wobei er gleichzeit fragte, ob das weh tun würde.
Leute, lacht nicht: Mein Unterbewusstsein ließ ihm meine rechte Hand auf die Wange knallen...

Mit verschleierten Augen nahm ich noch kurz das überaus verblüffte Gesicht des Arztes wahr und machte mich so schnell wie möglich aus dem Staub!

In der nächsten Telefonzelle schlug ich im Telefonbuch nach und fand eine kleine HNO-Klinik ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Dort staunte ich nicht schlecht: Drei Stockwerke eines ganz normales Wohnhauses mitten in der City waren tatsächlich als eine Art Mini-Krankenhaus eingerichtet worden!

Nach dem Röntgen hieß es: 'Ab in den OP und etwa zehn Tage hierbleiben! Das Nasenbein ist mehrfach gebrochen und eingedrückt und die Nasenscheidewand sitzt fast waagrecht!'
Aus meinem Mund hieß es: 'Geht nicht! Hab gar nix dabei, komme später wieder!'

Schon wieder hinterließ ich einen verblüfften Arzt...

Hurtig radelte ich die etwa fünf Kilometer nach Hause, meldete mich auf der Arbeit krank, packte etwas Zeug ein und radelte wieder zurück in die Innenstadt, ganz in die Nähe des Tattersalls.

Auf dem OP-Tisch lag ich gar nicht bequem, weil mein Kopf ziemlich nach hinten gebeugt war; aber ich freute mich schon auf das Hinüberdämmern in den Ätherschlaf! Das letzte Mal lag ja schon eine ganze Weile zurück...

Beim Herüberdämmern spürte ich etwas Unangenehmes in meiner Nase und zog halb unbewusst die ganze Tamponage heraus, wofür ich einen heftigen Anschiss von der Krankenschwester einstecken musste! Der Arzt hatte auch keinen Spaß daran, weil er das ganze Zeug, - in frischem Zustand natürlich -, wieder hineinpfriemeln musste, ohne die mühsam zurechtgesetzten Knochenteile zu verschieben! Und ich hatte, ganz ehrlich gesagt, auch sehr wenig Spaß dabei...

Als aktivem Sportler wird einem schon nach kurzer Zeit recht öde, nur so herum zu liegen und ab und zu mal im Haus spazieren zu gehen. Ich ließ mir ein Schreibheft und einen Zeichenblock von einer netten französischen Krankenschwester einkaufen, samt Bleistift und Spitzer; so konnte ich wenigstens einige Gedichte und anderen Mumpitz schreiben und etwas zeichnen, was allerdings den Bewegungsdrang nicht milderte. Da man mir einen Expander strikt verbot, machte ich täglich drei mal mindestens 50 Kniebeugen mit ausgestreckten Armen; das half schon etwas. Das heftige Pochen in meiner Nase ignorierte ich dabei, kriegte aber wieder einen Anpfiff, als man mich bei meinem Zimmersport erwischte....

Nach einer Woche kam mich ein Freund besuchen, mit seinem Moped! Wer jetzt etwas ahnt, hat völlig recht: Ich konnte ihn zu einer kleine Fahrt um die Mannheimer Quadrate überreden!
Dummerweise hatte er nur seinen eigenen Helm; aber Freunde sind halt echte Freunde, wenn sie auch mal auf etwas verzichten können: Trotzdem musste ich mir einen heftigen Anschiss gefallen lassen, weil ich Karli über eine halbe Stunde allein in meinem Krankenzimmerchen sitzen ließ, das nicht größer war als ein kleines Schlafzimmer; schließlich war dies ein normales Wohnhaus...
Der Drang nach Freiheit und Moped war in dieser meiner Situation einfach übermächtig!

Drei Tage später wurde ich entlassen mit allen guten Wünschen des Arztes und der netten Krankenschwester (die ich danach mehrmals besuchte), aber auch mit den Wünschen, keinen solchen Blödsinn mehr zu treiben.

Tja, diese Wünsche waren sicher gut gemeint, aber irgendwie utopisch...




Hier eine Zeichnung, die während dieser Zeit entstanden ist (im Bett, Zeichenblock auf den Knieen):