Mein erstes Auto, 1972.

Eine unglaubliche Geschichte mit einem unglaublichen Fahrzeug...





Typ: Renault Dauphine, Baujahr 1961.
800 ccm und 26,8 PS.
Kaufpreis: satte 80 DM im März 1972, bei einem Gehalt von 320 DM (zweites Lehrjahr).
Ausstattung: keine; aber vier Türen!
Zustand: außen hui, innen pfui.




Es fällt mir schwer, die Story einigermaßen kurz zu halten, denn es gibt unglaublich viel über „MA-DL 589“ zu erzählen! Im folgenden Text heißt das Autolein einfach nur Madl - abgeleitet vom Kennzeichen MA-DL-589.


Überaus stolz rollte ich mit dem eben gekauften, unerprobten Auto nach Hause, das es gerade so noch erreichte: das leichte Stottern auf der Zielgeraden wertete ich in meiner Naivität als Schwäche des Benzintanks: wohl nix mehr drinnen?

Dieses anfängliche Stottern sollte sich im Lauf der Zeit als Kleinigkeit herausstellen, denn Madl hatte wesentlich weniger zu bieten, als die hübschen äußeren Rundungen versprachen... Vielleicht ein dezenter Hinweis, wenn man ihn auf gewisse menschliche Wesen überträgt? So weit war ich zwar noch nicht ganz in meiner jugendlichen Philosophie, aber ein Stempel wurde mir dadurch wohl aufgeprägt: Außen! Und Innen?...

Hier also kleine Begebenheiten mit dem Madl, einfach vor mich hin erzählt - so, wie es halt auch damals war: wirr; saugut; teilweise naiv, weil Leben und Abenteuer viel bedeuteten; einfach drauflos, ohne sich tiefgreifende Gedanken zu machen - Hauptsache: Spaß!

Bei Regenwetter, sofern es am Vorabend einsetzte, konnte ich erst fahren, nachdem ich die Gummistöpsel aller vier „Bodenwannen“ gezogen hatte; alle Fenster waren undicht, das Autolein stand innen völllig unter Wasser, bis hin zu den unteren Enden der Pedale - darüber musste es einen Abfluss geben, den ich noch nicht kannte. Gut aber, dass er offensichtlich da war.


Wenn es nicht regnete, war es auch schwer mit der Fahrerei; der Motor sprang einfach nicht an. Per Kurbel an der Hinterseite hat es oft geklappt, aber einigemale ist mir dabei fast die Schulter ausgerenkt worden, weil ich anfangs den Dreh noch nicht heraus hatte, wie man einen Motor mittels einer Kurbel, die eben diesen Motor direkt an der Kurbelwelle dreht, starten kann: springt der Motor plötzlich an, wenn du diese blöde Kurbel noch in der Hand hast, dann wirkt das wie ein Schlag eines Pferdehufes auf die Armgelenke!


Nun, wenn Madl endlich mal auf Trab kam und ich mit der Clique und andern, echten Autos auf Tour gehen wollte, dann blinkte mir ein Rotlicht ins Auge: kein Öl mehr!


Alles untenherum war undicht, man nennt so etwas auch Inkontinenz; trotz meiner vielen Versuche, die Ölwanne und den Motor abzudichten, verbrauchte das Auto fast mehr Öl als Benzin. Ich musste also erst an eine Tankstelle, um Kanisteröl zu kaufen; danach konnte die Ausfahrt in den Odenwald beginnen – während sich meine Kumpels und Kumpelinen die wohl berechtigte Frage stellten, wie lange mein Ölvorrat halten würde?


Da ich aber damals auch schon schlau war, bunkerte ich einen Ölkanister im Kofferraum:
Ha! Wenn die anderen tanken müssen, dann nehme ich die Gelegenheit zu einer Ölfüllung wahr! Benzin braucht Madl ja irrsinnig wenig, dafür halt aber Öl ohne Ende...


Bild eines 1958er Baujahres, aus dem Netz gefischt



Unterhalb der Armaturen gab es keinerlei Abdeckung, was einen entscheidenden Vorteil hatte:


Im rechten Handschuh"fach" deponierte ich dicke Arbeitshandschuhe, mit denen ein Beifahrer (meistens Werner), - falls es während einer Ausfahrt zu Regnen beginnen sollte -, einfach unter die Armaturen greifen und das Gestänge der Scheibenwischer hin und her schieben konnte, bis wir einen sicheren Platz zum Anhalten fanden und der Regen wieder aufhörte. Ja, ganz richtig: die Wischer funktionierten nicht, der dafür zuständige Motor hatte keinen Geist mehr!

Bevor ich die Fenster alle mit Kitt abgedichtet hatte, mussten wir halt immer die Stöpsel ziehen, bevor wir weiterfahren konnten. Allerdings waren wir einmal in einen heftigen Dauerregen geraten, und da half nix anderes als: Weiterfahren und Scheibenwischergestänge ziehen, viele Kilometer bis nach Hause... Werner hatte danach heftigen Muskelkater, obwohl wir beide ja Handballer und somit durchtrainiert waren; aber eine solches Martyrium hatten wir niemal geübt...

Die Mädels hinten hatten die Füße auf der Sitzbank, bei uns vorne ging das ja nicht; Werner musste ja das Gestänge betätigen und sich dabei irgendwie abstützen, und bei mir ging ohne Füße ja schon gar nichts! Clever, dass die Pedale nicht mit Gummi überzogen waren, sonst wäre es echt zu glatt geworden.


Das Kofferradio, das wir zwischen die Vordersitze geklemmt hatten, dudelte fröhlich dazu, und insgesamt hatten wir doch sehr viel gelacht dabei - zum Glück waren wir eine äußerst humorvolle Bande!


Auf diesem Bild...


...bin ich gerade dabei, den Boden zu verspachteln: unter den Einstiegen konnte man seitwärts bis zu den Ellenbogen in den Zwischenraum unter dem Innenboden greifen, was mir nicht so optimal erschien. Außerdem sahen die riesigen Löcher ziemlich doof aus.

Klugerweise hatte ich die Hohlräume mit den Tageszeitungen der letzten vier Wochen ausgestopft, bevor ich Glasfasermatten aufklebte und zuspachtelte! Was ich mir dabei gedacht hatte, entzieht sich heute schamhaft meiner Erinnerung...


Einmal hatte Madl auf dem Rückweg einer Tour das große Sausen bekommen: wir jagten einen Käfer: Das war wohl auch ein 27 PS-Teil, aber wir waren schneller!

Der Käferfahrer war alleine, und neben mir vollführte Werner Schubsbewegungen wie in einer Schiffsschaukel, damit wir bei diesem irrwitzigen, bis dato selten erreichten Tempo von 119 km/h vielleicht überholen könnten. Nach bestimmt einem Kilometer auf der Bundesstraße und bei unserem ständigen Ansporngebrüll hätte das auch um ein Haar geklappt, denn wir waren locker zwei Stundenkilometer schneller - wenn da nicht plötzlich der Kofferraumdeckel aufgesprungen wäre...


Und somit ging uns schlagartig die Sicht aus, Madl bockte wie wild in diesem Windfang, und wir hatten Sause, dass uns das Teil glatt abfliegen könnte.

Schade: diesen Triumph hätte ich uns zu gerne gegönnt!


Auf dem Seitenstreifen konnten wir die Haube zwar schnell wieder befestigen, aber das Rennen war nun gelaufen. Zum Glück fing es nicht auch noch an zu regnen...



Ich mit meinen zwei ersten großen Lieben:
die eine sitzt hinten auf der Motorhaube der anderen, quasi mein Mädl auf meinem Madl... Brav die Schuhe unten abgestellt!

Sitzend in der Mitte meine beste Freundin "Moni-Herzl", davor und dahinter zwei Mädels aus unserer rund 12 Leuten starken Clique, und Werner knipst. Unsichtbar in der Mitte zwischen den Vordersitzen: das unvermeidbare Kofferradio! Habt ihr gerade die Hitparade vom Sonntag, Mitte Juni 1972 im Ohr?


Ein toller Trip: zwei Jungs vorne, mit vier Mädels im Genick!

Fast vier Monate lang hatten wir viel Spaß miteinander, Madl und ich und die anderen aus unserer Clique, aber auch oft viel Stress; denn mit der Zeit kamen noch weitere kleine Unannehmlichkeiten hinzu:

Startvorgänge spielten sich in der Regel mit der Kurbel ab, und ich fürchtete um die Gesundheit meines Armes;
deswegen verlegte ich mich aufs Anschieben, aber das war auch eine heftige Plackerei: das Reinspringen nach dem Anrollen klappte auch nicht immer, weil die Karre zu langsam war bzw. der Anschieber langsam die Kräfte verlor...

Außerdem wurden die Bremsen ihrer Funktion nicht mehr gerecht, obwohl ich die Leitungen entlüftet hatte; nur in Verbindung mit der Handbremse klappte es einigermaßen.

Als aber dann auch diese Bremskombination nicht mehr die erwünschte Wirkung zeigte und ich an einer auf Rot umschaltenden Ampel verzweifelt rechts an einen Randstein lenken musste, um den Bock zum Stehen zu bekommen, hatte der Spaß entgültig seine Grenzen erreicht: weg und ab mit dieser Karre!

Als Entschuldigung hätte ich ja auch anführen können, dass der Aschenbecher voll war. Aber es gab ja nicht mal einen! Wir klemmten immer einen mitgebrachten hinter das Kofferradio.

Für 30 DM verkaufte ich die Dauphine schließlich an einen Liebhaber, der wohl erkannte, dass man mit etwas viel Arbeit aus diesem Teil ein echtes Liebhaberstück basteln könne.


Wer recherchiert wird erkennen, dass dieses Auto heutzutage (2010) - je nach Zustand - zwischen 2.000 und 9.000 Euro gehandelt wird!

Jetzt, beim Erinnern und Schreiben, kommt eine gehörige Portion Wehmut auf! Seltsam - oder etwa nicht?


Nachsatz:

Meine nächsten Autos waren fast allesamt Käfer, von denen ich in rund zehn Jahren zwölf Stück fuhr!

Jung und verrückt probierte ich in dieser Zeit aber auch noch andere Autos aus: VW 1600 mit Doppelvergaser, Fiat-weißnichtmehr, VW 1600 normal; bestimmt noch fünf andere Autos, an deren Marken ich mich kaum noch erinnern kann:

Immer zu Preisen bis zu 300 DM gekauft, eine kurze Weile gefahren und dann an eine Werkstatt verkauft, die bis zu 250 DM zahlte! Und der Hit dabei war, dass diese Werkstatt eigentlich nur an Motoren und Getrieben interessiert war: den Rest durfte ich abschrauben und behalten. Die Folge:

Ich wurde weithin als Ersatzteil-Lieferant bekannt! Im Keller meiner Eltern türmten sich neben Kotflügeln und Stoßstangen auch beliebte Objekte wie Seitenspiegel, Rücklichter, Frontscheinwerfer; aber auch Anlasser oder Radabdeckhauben waren hier zu finden und vieles mehr...

Manno, war das eine Gaudi!...

...auch auf der Anmeldestelle, wo ich ja monatlich auftauchte: Der Sachbearbeiter rief mich per Lautsprecher in der Wartezone immer auf mit "Nobert ..." , was mir bald zu blöd war und ich ihm erklärte, dass in meinem Vornamen ein "r" fehlt. Danach hieß ich Norbert und der Sachbearbeiter Heinz!
Und ich musste fortan nicht mehr so lange warten...