Wie ich mich von meinem linken Zeigefinger trennen musste...


... erzählt mit viel Augenzwinkerei!



Die Kreissäge hatte schlechte Arbeit geleistet im Juni 1987, etwa gegen 15 Uhr, zwei Tage nach meinem Geburtstag und vier Tage vor der dazugehörigen, geplanten Party:


Statt den vertrockneten, kleinen Apfelbaumstamm mit den schon früher kurz zurecht geschnittenen Ästen - der meiner Mieze als Kratz- und Kletterbaum diente - zu kürzen, trennte mir das bösartige Teil den linken Zeigefinger mitten im Gelenk ab, als ich mal ganz kurz die Kontrolle über das unschierige Ding verlor. Wobei mit "Ding" natürlich nicht der Zeigefinger gemeint ist.


Ziemlich sauer deswegen nahm ich den halben Finger, der noch an einem Hautfetzen an der Innenseite hing, und klemmte ihn mit dem Daumen und den anderen Fingern fest in die Handfläche, damit ich ihn in dem Haufen Späne, der noch vom Brennholzsägen herum lag, nicht verlieren würde; oder auch auf dem Weg nach oben: aus dem Keller in die Wohnung im Erdgeschoss. Aus Trotz und Ärger schaltete ich die Kreissäge nicht aus; sollte sie doch heißlaufen und irgendwann ihre Zähne an die dicken Mauern spucken!


Seltsamerweise verpürte ich keine Schmerzen, ich hatte nur einen dumpfen Schlag wahrgenommen, als ich das unhandliche Kratzkletterbäumchen in die richtige Position schieben wollte; erst beim Hinsehen, wer da wohl geschlagen hat, bemerkte ich das Malheur!


Erbost zwar, aber keinesfalls hysterisch oder anderweitig von Sinnen, stapfte ich langsam hoch und hinterließ dabei leider eine kleine tropfenförmige Spur, etwa alle zwanzig Zentimeter; obwohl ich mir Mühe gab, mit der rechten Hand den austretenden Lebenssaft so gut wie möglich in Schach zu halten. Ich mag halt keine Sauereien auf dem Boden.

Der erste Weg führte in die Küche, an das uralte, riesige Emailspülbecken aus dem Jahr 1879 (Baujahr des kleinen Hauses), wo ich alles erst mal laufen ließ und gleichzeitig mit der rechten Hand nach einem Lappen unter dem Becken fischte. Ich hatte echt Bammel, auch noch den alten Holzßußboden zu versauen! Meine Freundin Doris, die gerade auf einem Kurztrip bei Freunden in Paris war, würde nicht gerade erfreut sein...


Da sonst niemand im Haus war, musste ich also allein mit der Situation fertig werden; Renate von obenrüber war grad unterwegs, Charly von nochobendrüber war sowieso dauernd nicht da, hielt sich meist im Gartenhäuschen auf, und Mädel, meine Mieze, hatte sich wegen dem Gekreische der Kreischssäge irgendwohin verzogen.


Nun also den Lappen so drumgewickelt, dass möglichst die Wunde nicht berührt wurde, sondern das inzwischen weniger fließende Blut aufgesogen wurde, wenn ich den Unterarm und damit auch die Hand senkrecht nach oben hielt. Jaja, Hufi denkt auch in solchen Situationen mit!


Sauber im Wohnzimmer angekommen, fand ich auf der Innenseite des Telefonbuches sofort die Nummer der Johanniter-Unfallhilfe, und natürlich rief ich dort sofort an und schilderte kurz meine etwas missliche Lage. 'Wir kommen sofort!' hieß es, und ich war froh, denn die Johanniterfiliale war nur einige Straßen weg.


Inzwischen suchte ich kleinen Krimskram zusammen, wie Geldbeutel mit Ausweis und Krankenkassenkarte, ließ ab und zu mal wieder über dem Becken abtropfen und schimpfte wie ein Rohrspatz, weil die Samariter nicht eintrudelten!


Nach über einer Viertelstunde tropfte es nicht mehr, dafür klingelte es endlich...


Da der Öffner kaputt war, ging ich durch die riesige Inneneinfahrt zur Außentür und schiss erstmal den Helfer an! 'Oh!' meinte der nur, 'da haben wir wohl die Tatsache nicht richtig verstanden!'


'Oberdepp!' dachte ich und sagte, dass doch bitte mal jemand im Keller die Kreissäge ausschalten solle, weil sie so arg nervt.


Während einer nach unten ging, begleitete mich Depp in den Unfallwagen, schnallte mich auf dem Sitz fest und meinte: 'Keine Panik, das wird schon wieder!'


'Panik? Sehe ich vielleicht panisch aus, du Oberdepp?' dachte ich wieder und sagte stattdessen höflich: 'Blödsinn!!'


Nachdem der zweite Helfer aus dem Keller zurück kam ging es ab in Richtung Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (kurz: BG), die ebenfalls nicht weit weg war. Das Bluten hatte inzwischen längst aufgehört, und Schmerzen hatte ich immer noch keine! Jedenfalls drangen sie nicht durch bis zu meinem Schmerzempfindungszentrum. Erstaunlich. Aber gut so!


Allerdings hatte ich Zweifel, dass wir heute noch ankommen würden: wenn die drei Jungs für die zehn Straßen schon fast eine halbe gebraucht hatten, wie lange würden wir für die zwei Kilometer wohl unterwegs sein?


Glücklicherweise ließ mich Oberdepp während der Fahrt in Ruhe, und so konnte ich etwas nachdenken:


Erstens war es interessant, dass keiner versucht hatte, den Lappen oder den Restfinger irgendwie zu berühren oder irgendetwas (un)vernünftiges damit anzustellen; mich beruhigte das sogar!


Zweitens hatte ich die Wohnungstür nicht zugemacht, aber das war sogar gut so: Renate oder Charly würden sehen, dass etwas passiert war, sich bestimmt irgendwo erkundigen und sich um Mädel-Mieze und meine Versorgung kümmern.


Kurz vor der Einfahrt zur BG hörte ich vorne einen sagen: 'Schalte doch mal kurz das Blaulicht ein!'


Kurz vor der Notaufnahme hörte ich einen der wartenden Sanis sagen: 'Mann, wegen sowas schalten die das Blaulicht ein!', und zwei der drei Sanis trollten sich wieder.


Kurz dachte ich: 'Oha! Das kann ja heiter werden!'


Auf einen BG-eigenen Rollstuhl verfrachtet ging es recht gemütlich in einen Gang mit vielen Türen, vor denen eine Menge auf irgendeine Art angeschlagenen Leute in Rollstühlen oder auf Liegen gebettet warteten.


Kurz dachte ich: 'Oha! Das kann ja heiter werden!'


Nur mit dem Satz: 'Warten Sie bitte hier' wurde ich abgestellt.

Schon wieder so ein Depp! Was sollte ich denn sonst machen, bitte? Sightseeing mit dem Rollstuhl durch die Notaufnahme?


Erstaunlicherweise wurde ich schon nach glatt zehn Minuten in ein Zimmer geschoben, in dem ein Notarzt gerade etwas Zeit hatte. Ich dachte, dass dies ein guter Service sei, weil ich nicht aufstehen und hineingehen musste; das ist doch ein positives Zeichen!


Kurzer Blick, kleine Untersuchung des blaubekittelten Docs, und das Ergebnis drang zu meinen Ohren vor: 'Nicht tragisch. Annähen und warten, was passiert. Schließlich ist ein Kreissägeblatt in der Regel nicht besonders sauber, und ein Putzlappen nicht unbedingt keimfrei. Das wird schon wieder, irgendwie!'


Aha! Das beruhigte mich ungemein, dieses "irgendwie"! Wohl hatte ich es hier mit einer Koryphäe zu tun, denn der Oberdepphelfer hatte dieses "irgendwie" ja vollkommen weggelassen...


Freundlicherweise ersetzte er noch den Lappen durch klinische Tücher, die sich recht angenehm anfühlten. Schmerzen hatte ich immer noch keine! Nur über meinen kleinen, geliebten Putzlappen machte ich mir Gedanken; den würde ich bestimmt nicht mehr zurück bekommen.


Superfeudal wurde ich aus dem Rollstuhl auf eine fahrbare Liege verfrachtet, mit einem herrlich weichen Kissen unter dem Kopf, aber nur einer dünnen Decke über dem Körper. Wahrscheinlich diente der Umzug aber nicht dazu, eine gewisse Bequemlichkeit zu erzeugen, sondern um den Stuhl anderen Opfern des harten Alltags zur Verfügung stellen zu können.


Eine Stunde Wartezeit auf einem Flur, den Fingerrest notdürftig am Ursprung mit Bandagen fixiert, damit er halbwegs durchblutet bleibt, beide Hände über dem Bauch liegend, ärgerte ich mich über die aufkommende Langeweile: hätte ich doch nur ein Buch mitgenommen!
Aber andererseits wäre das Halten und Umblättern schon etwas kompliziert geworden...


Endlich landete ich im OP, und ich durfte nach längerer Zeit einmal wieder das herrliche Gefühl einer Totalbetäubung genießen! Herrlich, wie das Bewusstsein schwindet! Doch leider viel zu schnell - die Übergangszeit könnte man im Sinne des Wohlfühlens eines nicht vom Tode bedrohten Patienten durchaus um eine gute Stunde verlängern...


Hoffentlich redlich bemüht, optisch und funktional eine Wiederherstellung zu versuchen, nähten sie das Teil wieder an. Den Diskussionenen zwischen den beiden jungen Chirurgen konnte ich aus bestimmten Gründen nicht folgen, sonst hätte ich vielleicht hie und da Einwände erhoben oder Verbesserungsvorschläge gemacht.


So träumte ich halt vor mich hin:


'Hey! Das wird schief! Könnt ihr das nicht ein wenig nach rechts biegen? Und vielleicht ein Stück Gelenk-Knochen mehr dran lassen? Und die kleine Narbe auf der Fingermitte hätte ich auch gerne behalten, sie erinnert mich an einen Jugendblödsinn!'


Man hat da echt keine Chance, sich etwas zu wünschen. Die basteln da einfach nur, drei Stunden lang, und ich höre in meiner Abwesenheit doch so etwas wie: 'Hey, Kollege! Da fehlt noch ein Äderchen zur Quelle!' - während der andere kontert: 'Aber hallo! Mach du erst mal die drei fehlenden Nervenanschlüsse!' Der Tiefschlafüberwacher wirft ein: 'Ruhig, Jungs! Feilt erst einmal die Gelenkknochenreste passend, da steht noch was über! Ich halte den Kerl so lange auf der anderen Seite!'


Manno! Gut, dass ich nicht in echt dabei war; denen hätte ich was erzählt...


Jo, inzwischen war es etwa 20 Uhr geworden, als ich ich mich in einem Zweibettzimmer vom Abseits behäbig zurück ins Leben begab. Rechts von mir ein großes Fenster, das mir die Felder hinter der Klinik präsentierte, links ein leeres Bett, über mir eine Hängevorrichtung, in die mein linker Arm rechtwinklig eingeschnürt war, mit dem Unterarm nach oben. Den Mittelfinger hatten sie aus Gründen der Stabilität mit in den Verband gepackt, der bis fast zum Ellbogen reichte.


Als erstes dachte ich: 'Schon wieder einmal Glück im Unglück! Ein nur mit mir besetztes Zweibettzimmer gehört bestimmt nicht zur Kassenleistung!' - wobei mich aber sofort Unsicherheit beschlich: Könnte das vielleicht auch ein anderes Zimmer sein, für Leute, bei denen man keinen Aufwand mehr betreiben muss, weil sie ihre Weltreise sowieso in Kürze hinter sich haben werden?


Instinktiv wollte ich mir den Schweiß von der Stirn wischen; ging aber nicht, da ich das immer mit der linken Hand gemacht hatte...
Also zuckte die Aufhängevorrichtung bei diesem vergeblichen Versuch, und ich spürte die reale Welt: es tat weh! Und wie! Also: keine hektischen Bewegungen mehr, klar?


Der nächste Gedanke führte mich nach Hause: Was passiert dort wohl? Was machen meine zwei Mitbewohner vor lauter Sorge, wenn sie das blutverschmierte Waschbecken sehen? Was macht wohl meine Miezekatze? Ob meine Freundin in Paris spürt, dass etwas nicht stimmt?


Drittens: Ich hatte doch glatt vergessen, ein paar Sachen einzupacken! Echt blöde. Meine Schlunzklamotten lagen auf einem Stuhl vor dem Fenster, ich hatte ein OP-Hemdchen an, und das wars. Na ja, Renate würde mir sicher Wäsche und so vorbei bringen. Nicht einmal Tabak hatte ich eingesteckt! Aber wie hätte ich auch drehen sollen? AHA! Mir kam sofort der Verdacht, dass sie deswegen Daumen und kleinen Finger aus der Bandage heraus gelassen hatten...

Irgendwann in der Nacht hatte ich das Gefühl, dass die über einige Stunden vom Sicherheitssystem des Körpers unterdrückten Schmerzen kumuliert zurück kommen: sie waren also nicht weg, sondern irgendwo gespeichert und schlugen jetzt, freigelassen nach der erfolgreichen OP, gandenlos zu!


Einige Zeit, Jahre vielleicht, versuchte ich, das zu ertragen; schließlich war ich doch schon so einiges gewohnt an Unfällen.


(Einschub: Seit meinem zehnten Lebensjahr führte mein Unfallarzt eine Akte, die sich im Lauf meiner Jugend zu einem Aktenbündel ausgedehnt hatte; als dieser mir lieb gewordene Doc nicht mehr war, den ich mitsamt den lieben Helferinnen schon fast mit zu meiner Familie zählte, verteilten sich die anderen Schläge, die das Schicksal auf verschiedenste Teile meines Körpers losließ, auf viele andere Ärzte... Mann, was könnte ich da an Storys runterschreiben! In dieser Beziehung war ich nämlich echt nicht normal: vielen anderen Menschen passiert auch öfters mal etwas - aber das WIE ist ausschlaggebend! Und bei kuriosen Blessuren oder Unfällen war ich immer Spitzenreiter; ich mag halt keine Normalitäten.)


Zurück ins Krankenzimmer:


Ich versuchte also jahrelang, mich mit den Schmerzen zu einigen, sie als normal bei einem solch banalen Eingriff einzustufen; auch die endlosen geistigen Dialoge mit meinem Zeigefinger, die auf Beruhigung und Hoffnung abzielten, brachten kaum etwas; außer, dass ich irgendwann auf die Klingel drücken musste. Wobei ich inständig hoffte, dass ich nicht schon wieder irgendein zweitklassiger Hansel mir einen Spruch ans Ohr drücken würde, bei dem ich ihm am Liebsten den Knöchel brechen würde! Vorzugsweise den mittleren des linken Zeigefingers...


Schon eine Minute nach diesen Jahren und dem Drücken der Klingel kam ein junger Mann hereingesaust(!) und erkundigte sich höflich und auch mitfühlend nach meinem Begehr. (Was wiederum ein ungutes Gefühl auslöste: darf ich jetzt weiße Trüffel bestellen, mit Wachtelbrüstenfiletstückchen?)


Ich wollte ihm den Zustand meines leeren Magens schildern, - der mir ja bekannterweise ständig zuschaffen macht -, aber es kam nur ein kurzes, gequältes 'Auaaua, wehweh, werd plemplem!' heraus. Und dazu noch eine reibende Geste über meinen Bauch.


'Keine Sorge, das kriegen wir hin!' lächelte er und verschwand.


Ja, was denkts du, was ich da bei diesem Ausspruch gedacht hatte? Hä?


Erst das Aufwachen in so einem genialen und doch so suspekten Zimmer, und dann wieder ein Spruch, den ich schon öfter gehört hatte heute... Und dazu ein Lächeln, das wohl über die wahren Begebenheiten hinweg täuschen soll!


Bange Minuten vergingen, in denen mein Leben vor meinen Augen vorbei zog, mein Magen knurrte, die Hand in einer Fritteuse schmorte und ich aufs Klo musste.


Der junge Mann kam lächelnd (!) zurück, bewaffnet mit einem Teller, auf dem meine vor Pein getrübten Augen so etwas wie Wurst und Brot zu erkennen glaubten; meine Nase roch allerdings Wachteln mit Trüffeln! Ja, so muss das Ende riechen...


Die echte Waffe, die er bei sich führte, erkannte ich allerdings erst in dem Momment, als meine Gier mit der rechten Hand auf die Brüstentrüffelwachtel herfallen wollte - ich war ja schon völlig konfus vor Schmerz und Hunger und umgekehrt.


Ein kleines Ding, ähnlich einer Spritze, aber mit einer meterlangen Nadel, gefüllt mit einem roten Zeug, näherte sich meinem linken Oberschenkel! Sehe ich da nicht ein sardonisches Grinsen im Gesicht dieses getarnt-liebenswerten Helfers?


War er etwa ein Helfer der ganz anderen Art? Brauchten sie Platz in diesem engen Zimmer?


'Womit habe ich das verdient?' Das war mein letzter Gedanke...


...bevor ich mich einige Sekunden danach ganz lieb und artig bei dem lieben, gut aussehenden Helferlein für seine Fürsorge bedankte!

Welch ein Schatz er doch war! Bestimmt einer der letzten auf dieser Welt! Herzen hätte ich ihn können! Meine vorherigen Gedanken und Reaktionen waren offenbar nur dem Schmerz und dem bestialischen Hunger zu verdanken, die mich fast betäubten. Jetzt aber war mein Schmerz betäubt, was ungemein angenehmer war.


Freundlich lächelnd zog sich Helferlein zurück. So machte ich mich halt über den Teller her, der angenehm mit viel Wurst und wenig Brot gefüllt war. Irgenwie überkam mich dabei der Gedanke, er könne aus Versehen mit ganz kleinen Teilen von kleinen Vögeln befüllt sein, mit irgendwelchen Pizen noch dazu... Komisch, dieser Gedanke, oder? Keine Ahnung, woher der stammen könnte.


Solchermaßen gestärkt musste ich natürlich kurze Zeit später 'wohin'. Den netten Burschen wollte ich aber nicht noch einmal belästigen, also versuchte ich mich zu befreien: war ganz easy, die Hand war nur mit einer Art weichem Haken an das obere Gestell befestigt.


'Hähä' dachte mein Hirn zynisch und befahl dem Rest, ganz locker und unauffällig aufzustehen und in der gleichen Manier einen langen Gang nach einem Klo abzusuchen. Zusammen fanden wir auch eines, und wir waren echt glücklich darüber.


Auf dem Rückweg kamen wir allerdings ins Hadern: rechts oder links? Wo ist unser Hotelzimmer gleich nochmal?

Na, macht ja nix; irgendein netter Page wird uns bestimmt zurück geleiten in unsere Suite. Falls uns einer findet.

Auf alle Fälle: immer die linke Hand hoch halten, damit wir erkannt werden ob unserer Orientierungslosigkeit!
Hand zu Gruß und Hilfe! Klasse Motto.


Endlich fand ich eine Tür, die so aussah wie unsere, die wir verlassen hatten. In meinem Zustand begriff ich natürlich nicht, dass alle Zimmertüren in so einem Etablissement gleich aussehen.


Tür öffnen, glücklich grinsen (wie mir schien), und mit einem Nachthemd zusammen zu stoßen, das unüberfühlbar zwei weibliche Teile von nicht geringen Ausmaßen in sich barg, versetzte mich fast in einen Schock. Einen glücklichen natürlich, falls es so etwas wie einen glücklichen Schock überhaupt gibt.


Einer Ohrfeige konnte ich nur deswegen entgehen, weil mein lieber Samariter auf mich aufmerksam geworden war, da ich in meinem Bett fehlte nach einer Kontrolle! Er bugsierte mich zwei Zimmer weiter in mein eigenes und schimpfte mich auf seine liebenswürdige Art zusammen:


'Hast du sie nicht mehr alle? Herumwandern direkt nach der OP, und auch noch Weiber angrabschen?!!!! Und vor allem: immer die Hand gegen den Himmel heben!'


Nicht um einen Deut geknickt wegen dieses Anpfiffs erwiderte ich, dass es mir doch saugut geht: 'Schlimme Hand war im Himmel, wie auch ich, und die andere macht, was sie will!'


Ich muss wohl so fürchterlich gegrinst haben dabei, dass ich einer Backpfeife nur knapp entging... Danach ließ ich mich ins Bett führen und wieder in die Hängevorrichtung hängen.


Die Gedanken, die ich dabei und danach hatte, waren außerirdisch! Und dabei wurde mir völlig unklar, ob ich wieder ICH und nicht WIR bin oder wer WIR waren, sind oder so... Ach, das ist echt schwierig.

So ein Morphinhammer ist ein echter Hit, dachte ich still bei mir... Und grinste mich in den Schlaf, alles andere als unglücklich...




Tags darauf zog unfreiwillig ein junger Mann bei mir ein, knapp über 20, der sich die Kuppen von vier Fingern der linken Hand bei einem Studentenjob in einer Werkstatt zerquetscht hatte. Tragisch! Vor allem, weil er ein begabter Geiger war, wie er später erzählte.

Sie hatten ihm diese Finger in die untere Seite seines rechten Oberarms eingenäht, damit sie von dort aus versorgt und regeneriert würden; damit er sich nicht aus Versehen befreien kann, hatte man seine rechte Hand in etwa der gleichen Stellung an den linken Oberarm fixiert. Und natürlich alles an ein Gestell gebunden, ähnlich wie bei mir.

Es sah also etwa so aus wie bei russichen Volkstänzern, die gerade den Kasatchok oder wie das heißt, aufführten.
Allerdings würde sich der Nachbar bestimmt nicht so gut gelaunt fühlen wie diese Tänzer...

Er würde die nächsten Wochen keine Arme haben, um irgend etwas, egal was, zu tun! Manno, wie gut bin ich doch dran...


Ach ja: später erfuhren wir vom Pflegerlein, dass man früher bei solchen Verletztungen die Finger oder auch die ganze Hand in die Bauchdecke eingenäht hatte; schließlich hatte man ja dabei einen Arm frei! Dummerweise hatte man aber nach Jahren festgestellt, dass diese Finger oder diese Hand enorm an Umfang und Gewicht zunahmen, wenn auch der Bauch des Trägers solchen Veränderungen unterworfen war - die Bauchzellen, die ja die Gesundung ermöglichten, konnten sich einfach nicht von der Erinnerung an ihre Abstammung trennen... Witzig, was?

Am Abend diesen zweiten Tages jammerte ich wieder, und ich bekamm wieder so ein kleines Spritzchen; mein Nachbar Christoph auch, weil ich ihm erzählt hatte, wie gut das tut. Danach konnten wir uns ganz locker und humorvoll unterhalten, Witzchen reißen über unsere Situation, und ich ging wieder spazieren; diesmal fand ich alleine nach Hause, nicht ohne die Tür von gestern aus Versehen zu öffnen: was ich dabei sah, schrieb ich aber meiner abgeflogenen Fantasie zu - sechs Mädels, wegen der Hitze nur sehr knapp bekleidet, aalten sich auf ihren Betten! Und fast alle winkten mir fröhlich zu! Bis auf eine direkt am Fenster.


Das erzählte ich natürlich dem Chris, der selig lächelte; es war ja sein erster Trip dieser Art. Wir beschlossen, bei der nächsten Gelegenheit diese Mädels zu besuchen und aufzuheitern oder zu trösten. Echt netter Kerl, dieser Chris. Voller Tatendrang!




Gegen Mittag des dritten Tages jammerte ich wieder, diesmal aber nur aus Sehnsucht. Der ekelhafte Typ, der sich zuvor als barmherzig und liebevoll verkleidet hatte, zeigte mir aber nur den Vogel und meinte, dass meine Schmerzen inzwischen erträglich sein müssten; wahrscheinlich sei ich nur scharf auf den nächsten Trip... Mein 'Auaauauaua....' verhallte ungehört in seinen hässlichen Ohren; überhaupt war er zu einem Scheusal mutiert, was er mir auch sogleich bewies: Lieb tätschelte er den Oberschenkel von Chris und drückte ihm mit einer nie gesehenen Sanftheit dieses kleine, rotgefüllte Spritzerlein unter die Haut - während er mich sadistisch angrinste!


Mann, das tat vielleicht weh! Ich meine nicht die Spritze in Christoph, sondern das Zusehen, wie jener gleich danach glücklich grinste und jetzt sofort zu den Mädels wollte... Ohne funktionierenden Arme!


'Siehste!' meinte der Folterknecht, 'so schnell kanns gehen mit einer Abhängigkeit! Nix kriegste mehr! Basta!'


Schmollend zog ich mich zurück unters Kopfkissen, sämtliche Schmerzen und vergangene Morphinträume mitnehmend...




Am nächsten Tag ging es Chris ähnlich wie mir am Tag zuvor; aber ich konnte ihn mit weisen Worten auf die Gefahr einer süchtigen Abhängigkeit davon überzeugen, dass er bald eine Besserung seiner Schmerzen zu erwarten hätte, die Natur würde es richten, man dürfe auf keinen Fall auf solche dubiosen Mittelchen bauen, die doch sowieso reine Chemie und damit äußerst schädlich sind.

Als optimistisches und standhaftes Beispiel nannte ich natürlich mich selbst.


Ich fürchte, ich wurde nicht einmal rot bei dieser saftigen Lügnerei...




Schließlich hielt ich es nicht mehr aus!


Nein, nicht wegen den fehlenden herrlichen Trips. Ich war zur Vernunft gekommen und dankte dem lieben Typ für seine Fürsorge. In den Himmel möge er kommen!

Keiner aus meinem Freundeskreis hatte mich gefunden! Also musste ich selbst das Ruder in die rechte Hand nehmen; links ging ja nicht.


Außerdem ging es mir brutal schlecht, weil ich in jeder Schlafperiode Kreissägen kreischen hörte und sah, wie sie meinen Körper Stück für Stück und in quälender Langsamkeit auseinander nahmen... Und mein Katzenmädchen sah hilflos zu....


Somit: ab nach Hause!


In den Schlunzklamotten kam ich mir auf der Straße wesentlich schäbiger vor als im Zimmer der Mädels; die wussten ja aus Erfahrung, dass man sich selten nach einem Unfall elegantere Kleidung anzieht, bevor man im Krankenhaus landet!

Brav der Anweisung meines geliebten Pflegers folgend, hielt ich die Hand während des 1,5-Kilometermarsches strikt nach oben, den Unterarm angewinkelt; neugierige oder verwunderte Blicke normaler Menschen ignorierte ich dabei völlig, so gut es ging.


Zu Hause: Renate nicht da, Charly nicht da, meine Tür stand immer noch offen; aber Mädel war da! Kuscheln war also angesagt und natürlich eine ausgiebige Mahlzeit für das hungrige Dingelchen, und danach Briefkasten leeren. Super! Meine Freundin hatte in Paris einen Unfall mit ihrem Auto, sie hatte ein Schleudertrauma davon getragen, Auto war ziemlich kaputt, und sie würde erst in etwa drei Wochen zurück kommen!


Passt das alles, irgendwie?


Ich rief meine Freunde an, die eigentlich an der Geburtstagsfeier teilnehmen wollten; Schock überall! Ich konnte sie aber trösten, so schlimm sei es ja gar nicht, wenn man noch neun andere Finger hat... Danach nahmen sie es mit dem gleichen Humor.


Das Spülbecken befreite ich von der total eingetrockneten roten Sauerei, ebenfalls die roten Spuren bis in den Keller.


Unten: Die Kreissäge anstarren!


Und dann: Laufen lassen!


Dieses Schreien fuhr mir durch Mark und Bein, bis ins Herz und die Tiefen meines Unterbewusstseins. Ich fing an zu schwitzen und leicht zu zittern, heftige Angst durchzog mich, aber ich zwang mich, zuzuhören und zuzusehen und nicht wegzudenken - bis ich nach etwa drei Minuten völlig ruhig mit dem linken Fuß auf den Schaltknopf am Boden trat und: Ruhe war! Nicht nur im Keller, sondern auch in mir; bis in alle Zeit!


Ich schrieb noch zwei Zettel für Charly und Renate und begab mich auf den Rückweg in die BG, nicht ohne das arme Mädel heftig zu schmusen... Und natürlich packte ich einen Rucksack mit so nützlichen Dingen wie Geldbeutel, Tabak und Unterhosen.




Drei Tage danach war es mir zu blöde, den Weg zu Fuß zu gehen; ich schnappte mir nach dem täglichen Katzenfüttern und -schmusen mein Radl und fuhr damit zurück in die Klinik. Es muss ganz schön doof ausgesehen haben, wie ich mit einem senkrecht nach oben zeigenden Unterarm mit seiner verbundenen Hand herumradelte!


Ich ärgerte mich rabenschwarz über Renate und Charly, weil sie sich nicht meldeten und sich nicht um meine Katze kümmerten.


Meiner Freundin schrieb ich einen Brief und offenbarte, dass ich mit der Kreissäge leichten Kontakt hatte, untertrieb aber die Sache etwas, um sie nicht zu sehr zu erschüttern; sie hatte wohl genug mit sich selbst und dem Auto zu tun.



Die Tage in der Klinik wurden recht langweilig.


Ich durchbrach diese Tristesse, indem ich nicht nur täglich meinen Ausflug zu meiner Katze machte, sondern auch vormittags und nachmittags jeweils bis zu zwei Stunden lang durch die Felder, Äcker und Wiesen rund um die Klinik spazierte. Richtig Farbe bekam ich in der Zeit!

Ab und zu bekam ich auch Besuch, aber nur sehr selten und von sehr wenigen Menschen; kaum einer traute sich hier herein in diese Unfallklinik, - jedenfalls kein zweites Mal - , weil man einfach den Eindruck haben musste, dass draußen Krieg herrscht und man gar nichts davon mitbekommt!


Die Opfer, die hier herumliefen oder in Stühlen herumrollten und vielleicht draußen vor der Tür eine Zigarette rauchten oder einfach auf irgendetwas warteten, waren wahrlich kein angenehmer Anblick (außer solch seltenen "Außenseitern" wie mir).


Was glaubst du, wie ich mich fühlte, als ich ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Gymnastikabteilung traf, lächelnd und lustig, trotz bis zu den Achseln fehlender Arme? Kotzen und heulen hätte ich können! Ich kam mir vor, als hätte ich mir den Fingernagel einen Millimeter eingerissen, fühlte mich völlig fehl hier...


Chris stellte fest, dass ihm langweilig ohne Ende ist, weil ich ja dauernd auf Achse war; meine vielen hilfreichen Gesten konnten da auch nicht viel ändern: morgens, mittags und abends und auch zwischendurch füttern, etwas zu trinken geben, ihn auf die Klobrille zusetzen zu setzen, einige nette oder auch humorvolle Gespräche zu führen oder ihn vor dem Haus eine Zigarette zwischen die Lippen zu halten - viel mehr war anfangs nicht drin.


Inzwischen verbrachte ich auch viel Zeit damit, den Mädchenladen unter die Lupe zu nehmen: meistens stand die Tür auf, um der sommerlichen Hitze einen kleinen Durchzug zu geben; vielleicht auch, um Leidensgefährten anzulocken?

Ich plauderte täglich mehrmals mit den sechs (!) Mädels, die in diesem Zimmer ihrer Dinge harrten; und es viel mir nicht leicht, keine übermäßig neugierigen Blicke auf sie zu werfen. Oh, sie hatten zwar keine überaus schlimmen Verletzungen, auf die man nicht hinstarren will: Nur mal hier ein aufgeschlitztes Bein, dort ein Loch in der Hüfte, eine halb abgetrennte Brust oder ein wieder angenähtes Ohr. Alles irgendwie normal also.


Viel schwieriger war, dass ich meine Blicke auf die Gesichter konzentrieren musste; die hauchdünnen, kurzen Nachthemdchen, die mitsamt ihren Trägerinnen fast grundsätzlich auf und nicht unter den Deckbetten lagen, erforderten einer Nichtbeachtung, die ich mir jedes Mal vor Eintritt in dieses Zimmer zwei Minuten lang suggestiv antrainieren musste. Es klappte aber selten... Vor allem dann, wenn mir etwa eine dieser Hübschen unbedingt ihre Story des Oberschenkels erzählen musste und mir zeigte, wo sie das riesige Küchenmesser getroffen hatte, als sie ein Huhn zerlegen wollte...

Eine andere konterte, dass der Einschnitt neben ihrer Brust (Schau! Genau dort!) bestimmt heftiger gewesen sei, zumal er von einem eifersüchtigen Freund stamme.


Freunde, ich befand mich im Fegefeuer! Ich brauchte dringend Hilfe!

Zum Glück war mein Zimmergenosse Chris jetzt in der Lage, dass ich ihn den Mädels vorstellen konnte. Er trat aber irgendwie ins Fettnäpfchen; insofern, dass er zwar brav seine Geschichte des Unfalls erzählte, aber auch, wie rührend ich mich um ihn, den zurzeit Armlosen, kümmern würde. Was aber wiederum den Fokus auf mich richtete: so hilfsbreit, so selbstlos, so nett, immer freundlich, stets zum Zuhören da...




Sehr viel Kontakt hatte ich mit einer blonden Italienerin im Mädelzimmer, die kein Deutsch sprach und deswegen ziemlich einsam war. Sie lag direkt neben dem riesigen Fenster und starrte die meiste Zeit dort hinaus. Vor einem Jahr hatte sie einen Unfall bei einer Urlaubsrückfahrt in Mannheim, und jetzt war es soweit, dass der zertrümmerte Unterschenkel von dem ganzen Blechzeug befreit wurde; dazu musste sie extra aus Italien anreisen, weil die hiesigen Spezialisten ihr das angeraten hatten!

Wir unterhielten uns in Englisch und oft auch mit meinen italienischen Brocken; das machte mir ungeheuren Spaß, und ihr offensichtlich auch: schon nach wenigen Tagen raunten mir die anderen Mädels zu, dass sie nicht mehr so grantig und fast böse war wie vorher.

Wieder ein Samariterdienst von mir! Der mir ungeheuer schwer viel bei einem solch lieben Gesicht. Echt!



So zogen sich die Wochen dahin.

Manchmal ging ich mit Chris in die Kneipe des Reitvereins zweihundert Meter weiter, und ich drückte ihm zwei oder drei Flaschen Bier in die Gurgel und ließ ihn immer wieder an seinen Zigaretten ziehen. Wir plauderten heftigen Blödsinn, bis wir uns spät abends angeheitert in unsere Betten verzogen.


Renate und Charly hatten sich inzwischen gemeldet auf meine Zettel hin, die ich in die Briekästen geworfen hatte - über zwei Wochen danach!

Unfassbar die Erklärung von Renate: Ja, sie habe auf ein Unglück getippt, als sie die Blutspuren aus dem Keller bis ins Waschbecken verfolgte, aber sie habe nicht gewusst, was sie tun solle!

Charly hingegen war total fertig, sagte er. Schließlich habe er mir seine Kreissäge zur Verfügung gestellt, und somit treffe ihn eine große Schuld an diesem Unglück; zwei Wochen lang habe er sturzbetrunken in seiner Gartenlaube gelegen, um diese Schuld zu ertränken...

Tolle Hausgemeinschaft! Die übrigens immer äußerst freundschaftlich war in diesem uralten, kleinen Häuschen mit dem kleinen Hinterhof, in dem wir uns oft spontan zum Tee oder Kaffee trafen.

Meine Freundin war inzwischen aus Paris zurück: mit der Bahn! Ein Polizeiwagen hatte bei einer Verfolgungsfahrt die Kontrolle über das Auto verloren und war ausgerechnet in Doris linke Seite reingerutscht...


Netter Treff in unserem Hinterhof nach der Rückkehr meiner Freundin, zu dem sogar ihr Papa erschien.
In dieser Stellung trug ich meinen Arm wochenlang! Es dauerte eine Weile, bis ich mir diese Angewohnheit wieder abgewöhnt hatte...




Nach fast fünf Wochen, in denen ich auf Heilung gewartet hatte, entzündete sich dummerweise das Knochenmark, und es hieß: ab mit dem Ding!

Wahrscheinlich war ich einfach viel zuviel auf Achse gewesen, statt dem Heilungsprozess eine ruhige Chance zu geben.


Ich radelte nach Hause und schoss dieses Abschiedsfoto, nachdem ich den Verband gelöst hatte:



So wie auf dem Bild wäre der Finger geblieben: schräg und schief und zu kurz (weil ja das Mittelgelenk weg war) nach dem "Wiederanbau" in der Unfallklinik, nicht mehr beugbar außer im Grundgelenk und wahrscheinlich ein Hindernis in allen Lebenslagen - nicht einmal mehr zum Popeln richtig zu gebrauchen, da nicht mehr gelenkig genug!


Also verabschiedete ich mich noch mit einer Maniküre und dachte: Mach's gut, irgendwo!


Danach kam aber der OP-Abtrenn-Doc und schlug vor, gleich alles bis hin zur Daumenfalte ins Nirwana zu schicken. Gründe: Fingerstumpf sieht doof aus, außerdem sieht es jeder schon aus fünf Meter Entfernung oder mehr. Und richtig helfen würde mir der halbe Finger ja auch nicht so echt.

Es sei doch wie im Liebesleben: Wenn schon eine notgedrungene Trennung, dann aber richtig! Ohne hinderliche Rückstände!


Das hatte mich überzeugt.


Das Ergebnis sieht man hier: absolut überzeugend!


Dieses Foto habe ich stark bearbeitet:
im unteren Teil alle Staubflecken entfernt, die oberen belasssen;
so ist der Titel "Griff nach den Sternen" entstanden, der Hoffnung ausdrückt.
Die ganze Hand habe ich noch weichgezeichnet,
um dem Betrachter einen gewissen Schrecken zu nehmen.
Links des Schnittes ist noch der Kanal der Dränage zu sehen,
die nach der OP eingenäht wurde.



Wenn man es nach der Heilung sieht: einfach toll.

Keine Hindernisse, wie sie ein mittelsteifer Finger oder gar ein Stumpf an den Tag gebracht hätten!

Meistens, jedenfalls: noch Jahre danach will ich meine Fingernägel feilen; und während dabei mein Blick über den Balkon in die Ferne schwebt, so intensiv suchte meine rechte Hand den linken Zeigefinger - und der rührt sich sogar rudimentär! Schließlich haben sie alle Nerven und Sehnen an den Mittelfinger genäht, so dass sich - falls ich den Zeigefinger bewegen will - automatisch der Mittelfinger zuckt.


Bei wenigen Situationen vermisse ich ihn heute noch manchmal: versuche doch mal, ohne Zeigefinger Kleingeld vom Tisch in die Hand zu nehmen oder Büroklammern aufzulesen! Spätestens bei der vierten Klammer fallen alle wieder heraus... Auch beim Essen muss ich oft grinsen, wenn ich die Gabel zum "Schöpfen" von Kartoffelbrei verwende und ich sie anschließend zum Aufspießen eines Fleischbröckchens benutzen will: das Wenden der Gabel ohne den Zeiger sieht einfach lustig aus, weil total umständlich! Du glaubst das nicht? Probiere es mal! Du lachst bestimmt dabei...


Einmal musste ich sogar heftig lachen! Im Unterricht will ich meinen Leuten den Unterschied zwischen Dual- und Dezimalsystem erklären. Also hebe ich meine beiden Hände mit gespreitzten Fingern und frage, wie dieses Zahlensystem heißt und woraus wohl das Dualsystem bestehen könnte?


Obwohl ich den Kurs schon drei Wochen abhielt, wurde erst jetzt bemerkt, - und nicht einmal von allen! - , dass da etwas nicht stimmt...


Mit herzlichem Lachen überbrückte ich die Verlegenheit mancher Teilnehmer und ergänzte: "Na, jedenfalls so ähnlich... Das Dualsystem kann ich aber noch zeigen!"



Fazit:


Es war also alles nicht so tragisch! Meine Freundin hatte mehr Schwierigkeiten damit umzugehen als ich. Außerdem hätte es ja viel schlimmer kommen können: ohne Daumen ist alles viel übler, ohne drei Finger auch, und ohne Hand erst!


Also Schwamm drüber.


Schön aber, dass ich einen tollen Menschen kennengelernt hatte! Erst nach vielen Jahren verloren wir den Kontakt. Vielleicht versuche ich jetzt, nach diesen Erinnerungen, den Christoph im Web wiederzufinden?

Chris ging es übrigens ähnlich: er war auch nie traurig darüber, dass die Fingerkuppen steif geblieben waren; okay, er konnte keine Geige mehr spielen, aber was solls? Es hätte schlimmer kommen können, meinte auch er.


Noch Jahre später noch blödelten wir herum über diese Zeit in der Unfallklinik; die vielen tragischen Schicksale, die uns dort begegnet waren, trugen sicher zu dieser Unbeschwertheit bei. Und natürlich die netten Erlebnisse, die wir ansonsten hatten...

Seltsam, dass ich bei einem solchen "Unglück" an eine eigentlich schöne Zeit zurück denken kann, oder?

NACHSATZ:
Ich habe Chris im Jahr 2007 wiedergefunden: das Internet ist eine Fundgrube...