Im Jahr 1975, genauer: im Frühsommer,
hatte ich dringend eine Kur nötig.



Mein Job und mein Körper konnten sich nicht einigen, wer den Vorrang haben sollte; also griff ich ein und befahl eine Auszeit! Schließlich war ich erst ein paar Jahre jung, und ich dachte nicht im Traum daran, mich bei meiner Arbeit in einer Baden-Württembergischen Bank schon jetzt zum Krüppel zu machen; das hätte bestimmt noch einige Jahre Zeit!

In dieser Kurklinik wurde es mir schon nach einigen Tagen recht langweilig, obwohl die Witze, die man ja ständig über Kuren hört, nicht unbedingt falsch waren:

Natürlich hatte ich schon damals einen ‚Schatten’, was ganz allgemein bedeutet, dass ich manchmal einen an der Klatsche hatte, wie man so schön sagt; Sie können das bestimmt bestätigen, wenn Sie meine bisherigen Geschichten gelesen haben.
Innerhalb kürzester Zeit hatte ich aber (nacheinander) zwei zusätzliche ‚Schatten’, die den Vornamen ‚Kur’ trugen…
Keine Frage, dass das mindestens recht angenehm war, zuweilen auch recht erfreulich; Details können Sie sich selber ausmalen, Sie haben bestimmt die Fantasie dazu, ich aber keine Zeit für nähere Beschreibungen.


Fast allabendlich in der Disco unten im Ort.
Das links bin ich... *grins
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Meine Sehnsucht galt aber meiner mechanischen Liebe, nämlich meinem kleinen Motorrad, einer 250er Suzuki! Wie sollte ich satte vier Wochen ohne dieses Teil auskommen?

Kurzerhand schrieb ich einen Flehbrief an meinen Freund Karli, mir mein Moped hier  in die Nähe von Marburg zu bringen: er könne mein Moped fahren, und seine Freundin könnte  mit ihrem eigenen Motorrad kommen, und anschließend beide wieder auf Heidis Moped zurück?

Genial! Schon am zweiten Wochenende konnte ich meine Suzi wieder sehen und unter den Hintern nehmen…

Vorgeschrieben war allerdings, dass man eigene Fahrzeuge bei der Klinikleitung anzeigen und der Gebrauch erlaubt werden muss. Aber das erfuhr ich erst später, nach… Nein! Nicht vorgreifen!

Eine Kur in einer Klinik hatte ich mir ehrlich gesagt so nicht vorgestellt:
Mädels ab dem Abend und Moped ab der Freizeit nach dem täglichen Ablauf bis zum Abend mit den Mädels, und natürlich beides an den freien Wochenenden!

Eines Sonntags, es muss die fünfte Woche gewesen sein (ich hatte zwei Wochen Verlängerung bekommen!) erhielt ich dann die böse Quittung für meine Prasserei…

Aus sehr dummen Gründen, die ich nicht näher erläutern kann, schmiss ich mich nach einem kleinen Streit mit meinem Schatten aufs Moped und düste los, irgendwo ins Unbekannte dieser herrlichen Landschaft.

Es war recht heiß; und da ich sowieso vergessen hatte, mir Mopedklamotten mitbringen zu lassen, fuhr ich wie ein Idiot: T-Shirt, kurze Hosen, und Clogs an den Füßen!

Eine wirklich herrliche und einsame Gegend hatte ich erwischt, wunderbare Natur und geniale Kurven zwischen vielen Wiesen und Feldern.

In einer dieser Linkskurven, die ich nicht einsehen konnte, geriet ich ziemlich weit mit der Schulter an den Mittelstreifen; schon seit vielen Kilometern war mir kein Auto begegnet, aber in diesem Moment düste mir eins entgegen, viel zu weit an diesem Mittelstreifen!

Bevor ich reagieren konnte, spürte ich einen Schlag an meinem linken Spiegel, der zwar nur einen leichten, aber dennoch unsanften Kontakt mit dem Außenspiegel des roten Autos hatte…

Die Kurve kriegte ich natürlich nicht mehr, weil ich das Motorrad hochriss, um nicht links in den kleinen Hügel, der mir die Sicht versperrt hatte, einzuschlagen. Somit ging es also bei rund 90 km/h fast geradeaus, was in einer Kurve nicht unbedingt Vorteile bringt...

Ab jetzt spielte sich alles in rasender Geschwindigkeit ab, Gedanken und Gefühle schossen mit Lichtgeschwindigkeit durch meine erschreckten Gehirnwindungen:

In der aufgezwungenen Fahrtrichtung erkannte ich ein Feld und wollte schon erleichtert sein, bis ich einen kleinen Graben zwischen Straßenrand und Feld erkannte… Sackzement, das konnte nicht gut gehen!

In der nächsten hundertstel Sekunde stellte sich uns auch noch ein kleiner Pfosten in den Weg, wie er sich üblicherweise alle 25 Meter an den Straßenrändern befindet…

Jetzt wird es aber verdammt eng, schoss es mir durchs Hirn! Ans Bremsen hatte ich bisher überhaupt nicht gedacht, weil mir schon in den ersten zwei Hundertstel Sekunden nach der Berührung der beiden Rückspiegel klar war, dass das nicht funktionieren konnte, und ans Lenken dachte ich schon gar nicht, weil das völlig utopisch war; also: was jetzt?

Wenn wir diesen Pfosten treffen, dann braucht das Moped keinen TÜV mehr und ich keine Fortsetzung der Kur!

‚Das überleben wir nicht!’ schrie mein Hirn. Und ich schrie zurück: ‚Dann lass dir was einfallen!’
‚Abspringen!!!’ war die lapidare Antwort, weil keine Zeit mehr zum Diskutieren war.
Also machte ich einen Satz nach rechts, wobei das Moped natürlich nach links gedrückt wurde!

Während ich mich überschlug und auf dem relativ weichen Ackerboden noch zwei oder drei Purzelbäume übte (ich war zu dieser Zeit immer noch Sportler, weswegen ich wahrscheinlich nicht platt auftraf und eine Furche in den Ackerboden zog), dachte ich kurz: ‚verdammtes Glück gehabt!’ Gleichzeitig hörte ich das Kreischen von Metall auf dem Asphalt und dachter: ‚mein armes Moped!’ Dann war es kurz aus mit der Denkerei…

Auf dem Hintern fand ich mich wieder zurück und bewegte kurz den Kopf: dort war wohl alles heil geblieben, Gott sei Dank!

Meine Suzi lag nicht weit von mir entfernt und zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren: ein deutlicher Hinweis...
Offenbar hatte der Trick geklappt: der Pfosten stand noch; ich war rechts daran vorbei geflogen und die Suzi links. Danke, Hirnlein!

Nach ein paar Verschnaufern wollte ich aufstehen, um die Suzi aus der Gefahrenzone zu heben, denn es könnte ja sein, dass ausgerechnet jetzt wieder ein Auto angedüst kam und in das Moped knallte; vielleicht sogar der Fahrer des Spiegelkontaktwagens?
Beim Aufstehversuch allerdings wurden mir die Lichter schon wieder ausgeknipst…

Auf der rechten Seite liegend gingen die Lichter irgendwann wieder an, und mir wurde klar, dass mein rechter Fuß diese Notbremse gezogen hatte, weil ich ihn zu sehr gequält hatte beim Aufstehen!

So hockte ich mich also wieder auf den Hintern und überlegte, was ich jetzt tun sollte bzw. könnte:
Hier bis zum Sankt Nimmerleinstag herumhocken bringt wohl wenig, wer weiß, ob sich heute noch ein Auto in diese Einöde verirrt; der Depp in diesem einzigen Auto, das mir begegnete, könnte aber vielleicht umkehren und nachschauen, ob etwas passiert sei.
Was er aber nicht tat, wie ich nach längerer Zeit feststellen musste.


Also stand ich unendlich langsam auf, wobei mir ein Kriegsfilm mit John Wayne in den Sinn kam: der hatte sich nach einem Fallschirmabsprung den Knöchel gebrochen und führte seinen Trupp trotzdem weiter! Blödsinn, ich weiß; aber es half. Obwohl Johnny den Vorteil der festen Springerstiefel hatte und ich nur noch meine Socken, denn die Clogs waren irgendwo im Acker verschwunden.


Nochmals unendlich langsam humpelte ich zum Moped, den Helm immer noch auf dem Kopf, aber am anderen Ende ungeschützt. Irgendwie schaffte ich es, die Suzi auf die Räder zu stellen; als ich sie aber an den Straßenrand schieben wollte, bockte sie: der Schalthebel war im vierten Gang eingeklemmt, also musste ich zusätzlich noch die Kupplung ziehen, um das Moped unendlich langsam (hatte ich das schon erwähnt?) zu bugsieren und außerhalb der Gefahrenzone auf den Seitenständer zu stellen.

Den Schalthebel konnte ich mit der Hand wieder etwas nach Außen biegen, so dass er seine Funktion wieder aufnehmen konnte; was ich von mir im Moment nicht so richtig behaupten wollte.
Aber mir blieb ja nichts anderes übrig!

Dazu sei bemerkt, dass ich - wenn es darauf ankommt – irre Schmerzen ertragen kann; wenn mich aber die Hüfte oder so zwickt, dann jammere ich schon ganz gerne, vor allem, wenn ich unter Leuten bin. Aber da hier weit und breit keine Leute waren, bedurfte es auch keiner Jammerei, also kam kein Ton über meine Lippen.

Jetzt aber die Frage: wie trete ich die Maschine an? Der Kickstarter liegt rechts, und einen elektrischen Anlasser gibt es nicht.

So setzte ich mich umgekehrt auf den Sattel und trat mit Links: glücklicherweise nur wenige Male, bis der Motor ansprang!

Das rechte Bein ließ ich auf der - unendlich langsamen - Rückfahrt baumeln, ein Abstützen auf der Fußraste war unmöglich; trotzdem hauten mich die Schmerzen manchmal fast vom Sitz.

Zwischendurch dachte ich, dass ich einmal wieder Glück im Unglück gehabt hatte: wäre es der linke Fuß gewesen, hätte ich nie und niemals schalten können! Außerdem hätte ich mir ja auch das Genick brechen können: wie hätte es dann mit der Rückfahrt ausgesehen? Als liegender Passagier in einem länglichen Auto...

Da die Kurklinik inmitten einer herrlichen Landschaft lag, musste ich durch keine Ortschaften fahren und dort möglicherweise an Ampeln halten, was enorm schwierig geworden wäre.


Das Moped stellte ich in der Nähe des Eingangs ab; jetzt kam ‚nur’ noch der schwierige Weg zu meinem Zimmer im sechsten Stock: keinesfalls wollte ich auffallen oder direkt zu einem Arzt gehen; erstens hatte ich ja keine Erlaubnis, ein Fahrzeug zu benutzen und würde daher wohl einige Konsequenzen zu befürchten haben, und zweitens könnte ich mich ja lächerlich machen, falls der Knöchel nur verstaucht war…

Ja, ich weiß, dass ich Depp sein kann.

Ich schaffte es tatsächlich, - unendlich langsam -, durch die Eingangshalle in den Lift, und von dort bis zu meinem Zimmer, wobei ich seltsame Blicke von anderen Kurgästen ignorierte, die mir ins wohl gequält dreinblickende Gesicht als auch auf die bestrumpften Füße schauten.

Die Tür öffnen konnte ich noch, schließen allerdings nicht mehr: beim Umdrehen meinerselbst motzte mein Fuß nicht, sondern er schickte mich stante pede auf den Boden und in den Schlaf…

Solchermaßen unelegant wurde ich gefunden, und am nächsten Morgen in ein Krankenhaus nach Marburg verfrachtet. Dort stellten sie ein ziemlich kaputtes Sprunggelenk fest, konnten es aber nicht eingipsen, weil der Knöchel inzwischen den Umfang meiner Wade erreicht hatte und vor Blutergüssen in den herrlichsten blauen, roten und gelben Farbtönen strahlte. Frühestens in einer Woche sei ein Gips möglich, meinten die Docs.

Mit einem festen Stützverband schickten sie mich wieder weg, und eine Woche später bekam ich dann einen Gips angelegt, den ich später zu Hause durch Freunde und Bekannte mit ihren Unterschriften und Glückwünschen verschönern ließ.

Ich konnte danach glücklicherweise die Kurklinik mit einer Bekannten verlassen, die auch in Mannheim wohnte, und die von ihrem Mann mit dem Auto abgeholt wurde; ich wurde direkt vor meiner Haustür abgesetzt!

Restriktionen hatte ich keine mehr zu befürchten, denn meine Lieblingsärztin hatte sich nach einer halben Stunde intensivsten Gespräches meinerseits spontan dazu bereit erklärt, meiner Krankenkasse diese Erlaubnis zu schicken; ansonsten hätte ich die Behandlungskosten wegen des Unfalls selbst tragen müssen! Ob ich diese Ärztin aus Dankbarkeit geküsst hatte, sag’ ich nicht. Ätsch.

Meine Suzi hatte ich zuvor noch dem Sohn eines Oberarztes übergeben, den ich zufällig über eben diesen Arzt kennen gelernt hatte: ein junger Mann in meinem Alter, der höllisch glücklich war, eine Weile mit dem zwar etwas beschädigten, aber keinesfalls fahruntauglichen Moped in der Gegend herum zu düsen; unser Deal: er fährt drei Wochen lang nach Lust und Laune und schickt mir dann per Bahnfracht die Suzi nach Mannheim, auf meine Kosten! Na ja, nicht ganz: seine Tankladungen musste er natürlich selber löhnen. Aber es war eine klasse Abmachung!

Als die Suzi im Frachtbahnhof eintraf, hatte ich immer noch den Gips am Bein, was mich aber nicht störte: ich fuhr damit nach Hause und eine Woche später auch zu meinem lieben, jahrelang bekannten Unfalldoc, um den Gips abnehmen zu lassen, wobei allerdings  wieder ein kleines Malheur passierte:

Der Doc hatte den Gips weg und zog an einem Gazetuch, das über die Innenseite des Knöchels gelegt worden war, wohl, um eine offene Wunde zu schützen; schließlich war ich ja damit gegen irgendwas geknallt bei dem Unfall: ob das Moped Schuld hatte oder der kleine Pfosten, bleibt ungeklärt; ebenfalls, warum ausgerechnet der Innen- und nicht Außenknöchel hatte dran glauben müssen.

Jedenfalls zog der Doc das Gazetuch weg und damit auch ein an diesem Tuch anhaftendes Stück spitzen Knochens… Seitdem habe ich eine kleine Vertiefung neben dem Knöchel! Die Ärzte in Marburg hatten das offensichtlich übersehen; was mir aber keine Bange machte, denn ich war ja ohnehin schon damals von meinen durchgeknallten Unfällen und sonstigen seltsamen Erlebnissen einiges gewohnt.

Die Praxis des Unfalldocs lag etwas außerhalb der öffentlichen Verkehrsmittel, deswegen fragte er mich: „Wie kommst du jetzt nach Hause? Soll ich dir ein Taxi rufen?“
„Nö“, grinste ich, „ich bin mit dem Motorrad und mit Gips hierher gekommen, und ohne Gips und mit dem Motorrad werde ich wieder abfahren!“

Doc-hab-ihn-selig klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn und meinte nur: „Ich wusste schon immer, dass du ein kleiner Spinner bist – aber ein lieber!“

Die alten Arzthelferinnen, die mich auch schon seit Ewigkeiten kannten, schüttelten nur den Kopf, dabei aber amüsiert lächelnd…


gar nicht einfach, so ein
Selbstpoträt ohne Selbstauslöser!
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