Einige Erlebnisse aus den Jahren 1965 bis 1971, zusam­mengefasst in einer Geschichte:
Ich kann diese kleinen Abenteuer nicht mehr einzeln den Jahren zuordnen!



Wo liegt das Landschulheim?

Einige Bilder aus dem Jahr 1965


Ein kleines Video aus dem Landheim, 1965

Wer hilft bei der Identifizierung der Kameraden?

Ein Bild, das nichts mit dem Landheim zu tun hat, aber mit unserer Schule; zumindest den Sportlern
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EXKURS:  Besichtigung unserer Schule im Jahr 2013!



Zwei Bilder aus dem Jahr 2011, die von der Homepage des Landheims stammen: (bitte auf ein Bild zeigen!)




Das linke Gebäude war zu unserer Zeit - glaube ich - noch nicht so hoch. Dort befanden sich der Tischtennisraum und ein leerer Raum, der am Ende der Geschichte noch Interesse finden wird!


 

Das Landschulheim unseres Lessing-Gymnasiums Mannheim lag äußerst idyllisch an der Ortsgrenze des kleinen Städtchens Schönau bei Heidelberg, am Rande des Odenwaldes. Da liegt es sogar heute noch, über 40 Jahre nach den kleinen Erlebnissen, die ich hier schildere, und mit Sicherheit gab es dieses nette Ferienheim schon viele Jahre zuvor und wird es noch lange geben. Wir durften alle zwei Jahre für zwei Wochen Auszeit von den normalen Unterrichtsstunden genießen; in einer Umgebung, die wie mir ein Paradies erschien:
 
Das Landheim bettete sich ein in den oberen Bereich eines kleinen Tals dieses Örtchens, recht alleine: eine gute Viertelstunde dauerte der Fußmarsch hinunter in das für uns Großstädter verschlafene Dorf - oder war es gar eine kleine Stadt? 

Ein Stück weiter oben schmiegte sich ein kleiner, idyllischer Bauernhof mit mehreren kleinen Gehöften in das hügelige, meist von Gras bedeckte Gelände, dazwischen waren mehrere, miteinander verbunden Teiche zur Forellenzucht angelegt. Diese Teiche wurden durch einen Bach gespeist, der sich sanft in Richtung Ortschaft schlängelte; manchmal floss er aber auch kräftig oder raste sogar, je nach Wasserreichtum in den Wäldern des leicht bergigen Umlandes. Von weit  oben kommend  fand der Bach durch sandige Strecken oder Wiesenflächen seinen Weg, bevor er durch kräftige Steinbrocken an seinen Ufern  auf das Landheimgelände geleitet wurde: knapp am Bolzplatz vorbei, was des Öfteren für Spaß oder auch Unmut der Spieler sorgte, wenn man einem Ball nachrennen und ihn aus dem Wasser fischen musste. 
 
Nach etwa hundert Metern traf der Wasserlauf auf das direkte Landheimgelände: ein kleiner Bau, der einen Tischtennisraum und einen leeren Raum für irgendwelche Veranstaltungen umschloss, lag etwas weiter entfernt von den jetzt glattsteinernen Ufern, die das Wasser nicht bremsen konnten. Der Bach rauschte am gepflasterten Innenhof entlang und dort unter einem winzigen Brücklein hindurch direkt an den hinteren Mauern des eigentlichen Landheimgebäudes vorbei:  manche Kameraden empfanden dies während der Nacht als äußerst störend, vor allem, wenn sie in den Mehrbettzimmern auf der Rückseite des hübschen kleinen Heimes schliefen; andere allerdings begrüßten diese Geräusche als willkommene Abwechslung, die die Natur bot: schließlich war das für viele etwas anderes als etwa der Straßenlärm vor dem heimischen Schlafzimmer in der Großstadt!
 
Das Wassertosen bot aber einen unschätzbaren Vorteil für einige wenige, frech-abenteuerlustige Jungs: Die Geräusche nächtlicher Aktionen wurden dadurch nahezu überdeckt! Aber davon später.
 
Zum Landheim führte eine schmale, unbefestigte Straße herauf, die sich noch bis zu dem etwas entfernten Bauernhof zog und danach am Waldrand endete. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber dem Eingang zum Landheim, begann schon ein Waldstück mit seinen Hügeln, das sich am Ende der kleinen Straße mit den anderen Wäldern vereinigte.
 
Ich kann mich gut und auch traurig erinnern, dass ich auf diesem Sträßchen ab und zu überfahrene Feuersalamander fand, obwohl dort ja so gut wie kein Verkehr war! Ein Zeichen dafür, wie viele von diesen schönen Tieren es damals noch gab; heute gehören sie zu den bedrohten Arten.

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Definitiv 1965 war es, zur Winterszeit, als wir das Landheim zum ersten Mal kennen lernten! Viele Erinnerungen daran hatte ich nicht, bis mir unser Kamerad Manfred Cech einige tolle Bilder zur Verfügung stellte! Diese habe ich etwas restauriert, und somit klickte sich auchdie Erinnerung wieder in diese Zeit ein!
Ein Film folgte, den der Vater von Hansi Clouth bei einem Besuch mit seiner Super 8 aufgenommen hatte; leider hat ein Film nicht die gleiche Eigenart wie z.B. ein Wein, der vom langen Liegen besser wird...
Trotz vieler Versuche gelang es mir nicht, diesen drei Minuten Filmmaterial einen besseren Glanz zu verleihen: Das bleibt wohl nur den Filmgesellschaften vorbehalten, die die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung haben!

Schaut bitte dazu in die Links oben rechts, oder hier:
Einige Bilder aus dem Jahr 1965

Ein kleines Video aus dem Landheim, 1965

Im Film ist übrigens zu Beginn unser allseits beliebter Dr. Schott zu sehen...
Ich glaube heute noch den Luftzug zu verspüren, wenn er die Klassenhefte der Lateinarbeit durch die Gegend pfefferte... Und wer erinnert sich noch an die Kreide, die mitten auf die Stirn traf? Und wenn er grad keine Kreide in der Hand hatte, dann konnte es auch schon mal der Schlüsselbund sein, der seinen Zorn auf einen "unwilligen" Kameraden ablud...



Die kleinen Erlebnisse: 


Der Bolzplatz war für die sportlicheren Jungs natürlich eine besondere Spielwiese: So naturverbunden konnten wir uns in Mannheim zwar auch austoben, weil die Freiluft-Sportstunden im Luisenpark stattfanden, ganz in der Nähe unserer Schule. Aber hier waren wir noch näher dran an der Natur als auf dem großen Sportgelände zu Hause: nicht nur klein war dieser Bolzplatz, sondern eben auch fast direkt am Bach gelegen, damals noch ungesichert gegen abfliegendes Sportgerät.
 
Als ich einmal einen Ball ungeschickterweise so abfälschte, dass er fortgespült zu werden drohte, raste ich ihm hinterher und riss mir beim Herausfischen aus dem saukalten Wasser den halben Fingernagel des Mittelfingers an einem Stein der Uferbefestigung ab; aber der Ball war gerettet!
 
Einer der Lehrkräfte, die immer zu zweit mit ins Landheim gingen, stand recht ratlos neben mir, bis ich ihn um ein Taschentuch bat, um die Blutung zu stillen. Herr Heusermann, - Gott hab ihn selig -, ein schon etwas älterer Lehrer mit im Nacken relativ langen, eisgrauen Haaren, die ihm den Spitznamen Winnetou einbrachten, suchte umständlich langsam in seinen Hosentaschen und fand ein ungebrauchtes, kariertes Taschentuch. Ich versprach, es ihm wieder zugeben, was ich aber nicht einhalten konnte: Das Blut ließ sich zu Hause nicht mehr rauswaschen.
 
Der Bach hatte sich somit meinen Zorn zugezogen, und so beschloss ich zwei Tage später, ihn zu bestrafen: Stauen wollte ich ihn, bis zum Überlaufen, und zwar an der kleinen, niedrigen Brücke auf dem Heimgelände!   
Es war heiß zu dieser Jahreszeit, und so stiefelte ich barfuss und mit kurzen Hosen vor dem Brückchen im Bach herum und baute aus allerlei Gerümpel wie Steinen und Holz eine Staumauer. Tatsächlich schaffte ich es, die etwa 20 Zentimeter bis zum Uferrand auszugleichen und den Innenhof kräftig zu befeuchten... Keiner meiner Kameraden half mit; im Gegenteil zeigten sie des Öfteren mit  den Zeigefingern an ihre Schläfen.   
Wahrscheinlich wollten sie nur nicht zugeben, dass sie keine Ahnung hatten von der hohen Kunst des Staudammbaus!
 
Leider hielt mein Sieg über den Bach nicht lange, weil die Lehrer meinen Prachtbau gar nicht gut hießen und ich ihn wieder abbauen musste. Einer Strafe für diesen Blödsinn in Form von Nachsitzen oder so entging ich nur deswegen, weil die Sonne zu heiß und das Wasser viel zu eisig war: Vier Tage musste ich zusammen mit fast 39 Graden mein Bett hüten...
 
So ein Mist!
 
Dabei entgingen mir doch glatt die angenehm wenigen Unterrichtsstunden am Vormittag; viel schlimmer aber noch: ich versäumte die viele Freizeit, in der ich weiteren Unsinn hätte treiben können!
 
*****

Einmal veranstalteten unsere Lehrer eine Schnitzeljagd durch die Waldgegend unserer näheren Umgebung. 
Nachmittags ging es los, und zum Abendessen sollten wir wieder zurück sein, hieß es.
 
Ich war irre begeistert, weil ich doch Wälder über alles liebte! Zu Hause hatte ich es nur rund zwei Minuten bis zum Rand des Käfertaler Waldes, in dem ich schon seit früher Jugend die Hälfte meiner Freizeit verbrachte; die andere Hälfte ging auf Sportplätzen und in Sporthallen drauf. Jedenfalls so lange, bis ich die Mädels entdeckte: danach drittelte ich meine Freizeitaktivitäten...
 
So war es also nicht verwunderlich, dass ich irgendwie meine Schnitzelkameraden aus den Augen verlor, weil meine Neugier, oder besser: meine Gier nach Entdeckung der Natur, mich vom rechten Weg abkommen ließ! 
Zu dieser Zeit, als junger Bursche, besaß ich noch nicht den Orientierungssinn, der mir später zueigen wurde; ich verirrte mich schlicht und ergreifend.
 
In dieser, gelinde gesagt, recht ungemütlichen Situation entdeckte ich eine Reaktion in mir, bzw. eine fehlende Reaktion, die mich fortan durch meine kleinen und größeren Abenteuer begleiten sollte: Ich war unfähig, um Hilfe zu rufen!
 
Natürlich dachte ich sofort daran, als ich bemerkte, dass außer Wald nichts anderes mehr um mich herum war. Aber irgendetwas hemmte mich: War es die Scham, meine Hilflosigkeit einzugestehen? Wahrscheinlich war es mir furchtbar peinlich, wie ein allein gelassenes Kind im Wald zu stehen und ‚Maaaami!!' zu rufen! 
 
Oder war es der Stolz, der mich meine Ungeschicktheit nicht eingestehen ließ? Schließlich könnte ich es auch ohne fremde Hilfe schaffen, aus diesem Dilemma heraus zu kommen!
 
Ich denke heute, dass es die Mischung aus beidem ist, die meinen Mund in brenzligen Situationen verschließt.  
Einen gewissen Instinkt besaß ich aber zu dieser Jugendzeit offenbar doch schon: ohne diesen hier erklären zu können oder die näheren Umstände beschreiben zu wollen, die mich gefühlte Ewigkeiten umherirren ließen, kürze ich ab bis zu dem Zeitpunkt, als ich mich wieder im Landheim einfand: 
Hungrig und erschöpft, aber heilfroh und - zugegebenermaßen -  auch stolz klingelte ich an der Tür, die recht schnell geöffnet wurde: von den Heimeltern! 
 
Den ersten Anpfiff durfte ich mir noch auf der Schwelle abholen: "Ja, was hat denn dich geritten?? Wo warst du, wo kommst du her?? Alle, ja, alle!! sind vor einer halben Stunde nach dem Abendessen ausgerückt, um dich zu suchen!! Was hast du dazu zu sagen??!!"
 
"Ich hab Hunger...", erwiderte ich kleinlaut. 
 
Das verschlug den beiden die Sprache, und sie brachten mir zwei belegte Brote, die ich draußen auf der Bank vor dem Heim mit zwiespältigen Gefühlen gierig in mich hinein schob:
Ob sich die Lehrer und Kameraden ernsthaft Sorgen um mich machten? Die armen Leute konnten ja nicht ahnen, dass ich in der wilden Natur aufgewachsen war und imstande bin, dort auch zu überleben - oder zumindest wieder nach Hause zu finden...
 
Meinem Magen ging es recht gut nach diesem Abendessen, aber nur einen kurzen Moment lang: weitere Gedanken verhinderten eine Ausbreitung dieser Wohligkeit im Verdauungstrakt!
 
Wie lange werden sie wohl suchen? 
Es wird bald dunkel! Ob sie schon verzweifelt sind und an Polizei und Suchhunde denken?
Was, wenn sie mich bei ihrer Rückkehr hier gemütlich sitzen sehen würden? Ich saß ja nur hier, um sie schon von weitem erkennen zu lassen, dass ich da bin und sie damit aller Sorgen entlassen kann! Aber: würden sie diese Geste auch würdigen? Oder würden sie mich eher würgen?

O oh, mir wurde richtig übel.

Und: Was würde ich wohl an Konsequenzen ertragen müssen? Arrest im Bach, eine Stunde lang, des Nachts, dabei Cäsars 'De bello gallico' übersetzend?

O oh, jetzt wurde mir richtig schlecht.

Bevor ich mich in den Fluten des Baches ertränken konnte, erschollen von weit oben Rufe: Auf der schmalen Straße vom Bauernhof her kamen sie anmarschiert und winkten!

Zuerst war ich heilfroh, aber noch im selben Moment überkamen mich Zweifel: Solches Rufen und Winken könnte auch bedeuten: ‚Hallo! Warte! Wir sind gleich da, um dich zu vierteilen! Juchuuuh!'

Mir wurde fast schon wieder schlecht.

Ihr glaubt es kaum, aber das Folgende ist genau so wahr wie das Vorangegangene: Ich war nicht imstande, dem Trupp entgegen zu gehen, weil meine Beine den Dienst versagten; auch geistig schlotternd schaffte ich es nur einige Schritte von meiner Bank weg, dem Mob entgegenzutreten um mich aufrecht enthaupten zu lassen!
Meine Qual wurde jäh beendet, als sie alle eintrafen:
Mit viel Freude und Mitgefühl wurde ich begrüßt, Erleichterung in allen Gesichtern, nirgendwo eine Zornesfalte: nicht einmal bei den Lehrern! (Oder vielleicht gerade bei denen nicht: Wie hätten die sich rechtfertigen sollen, dass ihnen ein Schutzbefohlener im Wald verlustig gegangen ist?) Die vielen Schulterklopfer und Sympathiekundgebungen machten mich allerdings etwas misstrauisch: Es gab sicher auch Kameraden, die nur froh waren, weil sie jetzt nicht in stockdunkler Nacht unter den Suchscheinwerfern von Hubschraubern den Wald durchstreifen mussten...

Ich kam aber nicht umhin, die vielen Fragen zu beantworten, was denn - um Himmels willen! - passiert war! Die beiden Lehrer setzten sich auf die Bank, ich mich seitwärts davor auf den Boden und die Kameraden im Halbkreis so, dass die Lehrbank rechts stand und ich im Mittelpunkt dieses Ensembles: Jetzt erzählte ich mit Inbrunst, was mir widerfahren war, und ich ließ auch die Instinkte und Umstände nicht aus, die ich weiter oben in dieser Erzählung ausgelassen habe...

*****

Wie es die Zeit so mit sich bringt, wurden aus Lausebengeln Jungs, danach halbreife Jungs und wieder danach Jungmänner ohne Reife.

Viele von diesen ‚halben Männern' schafften es, vollwertige, brave und anerkannte Mitglieder einer Schulklasse oder eines demokratischen Sozialstaates zu bleiben, während andere schon mit 15 oder 16 Jahren auf Demos gegen den Numerus Clausus protestierten; wobei es den meisten egal war, ob sie als spätere Abiturienten und Möchtegernstudenten davon betroffen sein würden, oder ob sie es überhaupt bis zum Abschluss schaffen würden oder  gar wollten:
Die Hauptsache war, dass man Solidarität mit den älteren Schulkameraden zeigte und dabei die versäumten Latein- und Mathestunden (oder aus der Sicht der geistig flexiblen, aber körperlich unbiegsamen Kameraden auch die Sportstunden) auf halblegale Weise entschuldigen konnte. Ausgenommen natürlich die Kameraden,  die schon damals an ihrer Karriere arbeiteten  und lieber lernten wie die Wilden,  um einen würdigen Abschluss schaffen zu können: Eine gewisse Hochachtung hatte ich schon diesen Klassenkameraden gegenüber;  dummerweise konnte ich da mit meiner Lebensfreude, - die  außerhalb der Schule erst richtig auflebte -,  nur eine gewisse Zeit mithalten!

Somit begannen also auch im Landheim andere Zeiten: Wir wurden ein klein wenig erwachsener, blieben aber in unserem Gemüt immer noch Lausebengel, jedenfalls einige von uns: vornehmlich diejenigen, die klassenabwärts gestiegen waren, aus welchen Gründen auch immer. Ich muss hier aber ausdrücklich betonen, dass ich wegen eines schlimmen Armbruches und kurz danach wegen einer Blinddarmoperation für insgesamt rund zehn Wochen den bestimmt lehrreichen und interessanten Unterrichtsstoff des zweiten Schulhalbjahres nicht bewältigen konnte: Im Krankenhaus fällt es relativ leicht, sich unbewusst von den Themen des Schulalltags zu distanzieren... 

Da wir also älter geworden waren, - gerade die Absteiger waren ja ein Jahr in ihrer Entwicklung den anderen Kameraden voraus -, erweiterten sich die Interessensgebiete: In dieser Phase der Jugend spielt es schon eine große Rolle, ob man etwa 16 oder ‚erst' 15 Jahre alt ist! Insofern hatten diejenigen, die die Klassenkameraden zwar an Alter, nicht aber unbedingt an Klugheit überragten, einen gewissen Drang zu Taten, die sich die jüngeren vielleicht in ihren Träumen vorstellen konnten, während sie in ihren Mehrbettzimmern schliefen.

Eine kleine Gruppe von vier Verrückten wollte das aber nicht hinnehmen, sondern ihre Taten ausleben!
Wer mich kennt, wird es erstaunlich finden, dass ich zu dieser Rotte gehörte: artig, lernbegierig, voller Respekt dem Lehrkörper gegenüber; ideenlos, völlig unwaghalsig, gar ängstlich vor allem Unbekannten; scheu und zaghaft, was neue Erfahrungen betrifft; ein Einzelgänger, der lieber seine Zeit in der Lernstube verbringt, als mit solch verbogenen Klassenkameraden Streiche auszuhecken und dabei Höllenängste durchzustehen!
So bin ich auch heute noch, vierzig Jahre später! Jedenfalls in meinen schlimmsten Albträumen...

Einer unserer Jungs hatte einmal aus dem kleinen Fenster der Toiletten, die im Zwischengeschoss des zweistöckigen Landheims lagen, hinausgelugt und den wahnwitzigen Einfall bekommen, dass man von hier ohne große Mühe abhauen könnte, wenn man denn wollte: Etwa einen Meter unter dem Fenster würde ein kleiner Mauersims eine Trittmöglichkeit bieten, der einem Wagemutigen den Sprung über den schmalen Bach
ermöglichen könnte, der direkt an der Landheimwand vorbei zischte. Verrückt. Aber genial gut...

Nach wenigen Diskussionen am Nachmittag dieser Entdeckung beschlossen wir mit diebischer Freude, einen Ausreißversuch zu wagen, an diesem Abend noch! Wir hatten uns in dem einzigen Viererzimmer des Landheims einquartiert, alle anderen waren Achtbettzimmer; das bot den entscheidenden Vorteil, dass keiner von uns Spitzbuben aus einem größeren Zimmer abhauen musste!

Etwa eine halbe Stunde nach der befohlenen Einschlafzeit machten wir uns zu diesem Abenteuer auf: dass dabei die beiden Lehrerschlafzimmer direkt links neben uns lagen, machte die Angelegenheit noch prickelnder! Zwei der hölzernen Treppenstufen zum Zwischengeschoss allerdings ließen uns doch etwas zusammenzucken: als der erste Held darüber schlich, quietschten sie! Das war uns im lauten Tagesablauf natürlich nie aufgefallen...

Mit klopfenden Herzen erstarrten wir und erwarteten, dass jeden Moment eine der Lehrerzimmertüren aufgehen würde! Aber es rührte sich nichts in den beiden Zimmern, die etwa zwei Meter von der Treppe entfernt waren! Die Nachfolger sahen ebenso wenig wie der Vorreiter in dem dunklen Hausgang, in dem nur ein Notlicht die Umgebung schwach erahnen ließ;  deswegen wussten wir nicht, welche Stufen die Verräter waren. Der zweite Held aber hangelte sich instinktiv am unteren Ansatz über den Stufen des alten Treppengeländers hinab, was völlig geräuschlos klappte! Diese Eingebung könnte durchaus von mir gestammt haben...

Da ich der sportlichste von uns war, fiel mir die leise zugeflüsterte Aufgabe zu, den Ab- und Überstieg aus dem kleinen Fenster zu probieren: Glücklicherweise war im diffusen Mondlicht die Umgebung einigermaßen gut zu erkennen; also schwang ich mich hinaus auf den kleinen Mauervorsprung über dem Bach, die Hände am Fenstersims, und suchte nach einem Landeplatz am anderen Ufer, das an dieser Stelle zwar recht flach war; aber dennoch rauschte der Bach in einem gemauerten Bett!

Die Freunde hinter mir raunten mir zu: ‚Mach schon!' Also rauschte ich ab über das Rauschen unter mir mit einem kleinen Sprung in Richtung fremdes Ufer...

Hey! Nix passiert, erstaunlicherweise! Das bedeutete, dass auch die anderen Jungs problemlos rüberhüpfen konnten, was sie nach meiner Aufforderung auch vertrauensvoll und erfolgreich zustande brachten. Der letzte zog von Außen das Fenster soweit zu, dass es nicht wieder sperrangelweit aufschwingen konnte: wir würden wohl ganz schön blöd aus der Wäsche gucken, wenn ein Kamerad beim nächtlichen Klogang das Fenstger schließen würde... Hervorragende Idee dieses letzten Helden! Dafür bekam er später von den anderen ein Glas Bier spendiert!

Gutgelaunt, mit schelmischen Gesichtern und ebensolchen, jetzt nicht mehr so leisen Frotzeleien, eilten wir flinken Fußes in Richtung der kleinen Ortschaft; vorbei an dem Friedhof, der uns jetzt in der Dunkelheit ein gutes Stück mehr Respekt einflößte als bei den täglichen Ausflügen, die wir ganz legal über die kleine Brücke am Landheim in das Örtchen unternahmen; vorbei an einem dreistöckigem Haus, das, - wie wir Schlingel und Draufgänger schon längst herausgefunden hatten -, eine Menge Mädels beherbergte; warum, blieb uns zunächst allerdings verborgen.
 
Diesen Teil überspringe ich einfach mal, weil er zu viele Informationen über die nächtlichen Taten verraten würde! Nur so viel sei gesagt: Wir hatten unseren Spaß in der Ortschaft, bevor wir wieder den mühsamen Rückweg über den Bach, in das Fenster, die quietschenden Stufen, vorbei am Lehrerzimmer, wieder in unseren Schlafraum gelangten! Spät in der Nacht, dafür aber völlig kaputt am nächsten Morgen... 
Und das dreimal die Woche!

Das Heim der Mädels konnten wir allerdings nicht besuchen; wir erfuhren aber, dass dort auszubildende Krankenschwestern beherbergt wurden, und das Gelände wurde fast hermetisch abgeschottet! Ob es uns jemals gelang, diesen Wall zu durchbrechen, - ebenso wie wir genial den Weg aus dem Landheim gefunden hatten -, könnten euch nur diese vier Jungs verraten, die diese Wagnisse auf sich nahmen... Einer davon könnte Wobbl sein, der aber leider verschollen ist! Und die anderen schweigen dezent. Hoffentlich bis heute.
 
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Beim nächsten Ausflug ins Landheim war ein Musiker dabei, der den Weg zu uns über den Abstieg gefunden hatte: recht groß, mit ellenlangen, schwarzen Haaren. In den Pausen hämmerte er ständig in einer bemerkenswerten Technik mit angewinkelten Fingern gleichzeitig sowohl auf die Plattenkante seines Schreibpultes, als auch von unten!

Anfangs hatte ich keine Ahnung, was das soll, aber es gefiel mir, und ich machte es nach: allerdings nur zu Hause; und dort erkannte ich, dass diese Spielerei wohl eine Art Schlagzeug ersetzen sollte. Das wurde bei mir glatt eine Manie, die ich bis ins "hohe" Alter beibehielt! Ab und an ersetzte ich dabei die Finger durch Mikado-Stäbchen, die ich wie wild über den elterlichen Wohnzimmertisch hüpfen ließ, wo auch noch andere Klangkörper herumstanden: ein Aschenbecher etwa, oder auch verschiedene kleine Vasen, die jede einen anderen Ton hervor brachten; selbst ein herumliegender Kugelschreiber hatte einen musikalischen Ton beim Anschlag!

Der Jugendschreibtisch in meinem Zimmer füllte sich danach mit allerhand anderen Dingen, die die herrlichsten Töne produzierten, wenn ich auf ihnen herum trommelte; ausgenommen so profanes Zeugs wie z.B. das lateinische Wörterbuch: es war wirklich zu nichts, aber auch zu gar nichts zu gebrauchen! Und außerdem wesentlich uninteressanter in jeder Beziehung als diese Art von Begleitmusik, die ich bei laufendem Radio produzierte, und die mir sogar noch besser gefiel als das mühsam akkurate Anwinkeln der linken Finger über den Gitarrenseiten, um einen vernünftig klingenden Akkord in mein Zimmer zu schallen.
Ja, das ist es! Schlagzeug lässt deine Seele und die Gefühle fließen! Kehrt dein Innerstes nach Außen! Lässt dich wild sein und auch melodiös und vor allem taktvoll! Es spült auch, - zart und sanft betätigt -, deine Innereien (sofern es die Gefühle betrifft) nicht nur an die eigene Oberfläche, sondern auch in die Ohren anderer und lässt sie aufhorchen...
Nun ja, dies war einer meiner Jugendträume. Ich blieb dann doch an der Gitarre hängen, entdeckte aber auch den Gesang: dieser lässt mich ebenfalls mein Innerstes nach Außen kehren, vor allem bei solchen Improvisationen, in den ich regelrecht schreien konnte - aber immer noch stilvoll!

Verzeihung für diesen kleinen Ausflug... Jetzt wieder zurück zur Landheimstory!
 
Olaf, so dieser Neuankömmling, schrieb in den Pausen auch oft zwei seltsame Worte an die Tafel, immer ganz links außen, ohne jemals eine Erklärung dafür abzuliefern: Jethro Tull. 
Ich hielt das für eine Art seltsam-religiöser Verehrung, vielleicht undeutliche Hinweise auf eine Art von Okkultismus, oder auch nur für Spinnerei eines Langhaarigen, auf dessen schwarze Mähne ich neidisch war: zwar hatte ich auch längere Haare, aber meine dünnen Strähnen würden diese Pracht niemals erreichen können!

Nur wenige Zeit später erfuhr ich, dass Olaf Trommler war, außerhalb des Jargons auch Schlagzeuger genannt! Und "Jethro Tull" war weder ein mysteriöses Heiligtum noch ein Mantra: einfach nur eine Band mit einem überaus genialen Leader an der Querflöte! Diese Band lernte ich später zu schätzen und konnte sie auch zweimal live erleben.

Am Abfahrtstag ins Landheim staunten wir nicht schlecht, als Olaf sein komplettes Schlagzeug anschleppte und im Bus verstaute! "In 14 Tagen ohne Übung lässt man nach", meinte er lapidar.

Aufgebaut wurde die Pracht in dem kleinen, leeren Raum neben dem Tischtennisraum, dem eigenen kleinen Gebäude auf dem Hof: man kann sich denken, wie das da drinnen dröhnte!

Ich selbst hatte mich auch mehrmals daran versucht, ohne je vorher an so einem Apparat gesessen zu haben: "Kannst du nicht mal was anderes spielen?" lautete eine Beschwerde. Immerhin sagte der Kamerad  "spielen", was an und für sich schon ein dickes Lob war. Aber mir fiel nichts anderes ein als diese relativ monotonen Trommelfolgen, wobei ich ab und zu eines der beiden Becken traf. Aber den Takt hielt ich allemal, auch mit der dicken Fußtrommel!

Olaf dagegen haute rein, was das Zeug hielt, das aber schnell 99% der Klassenkameraden und 100% der beiden Lehrkörper als schon fast körperliches Martyrium empfanden und Olaf etwas Ähnliches androhten: teeren und federn wollten sie ihn, auspeitschen oder zumindest ins eiskalte Wasser des Baches werfen! Ich konnte diese Gefühle nicht nachempfinden, obwohl es zugegebenermaßen wirklich höllisch laut war...

Der Trommler zog die Konsequenz und haute ab aus dem Landheim!

Allerdings nicht persönlich, sondern mit seinem Schlagwerk: Er baute es irgendwo mitten im Wald auf, wo er willenlos drauflos hacken konnte und dabei höchstens wilden Tieren oder harmlosen Spaziergängern schon von weitem Angst einflößte und damit in die Flucht schlug... Und dies hielt er den restlichen Landheimaufenthalt durch; ich glaube, er ließ sein Übungsgerät sogar die ganze Zeit dort stehen!
Das nenne ich Konsequentheit: 'In 14 Tagen ohne Übung lässt man nach...'

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Viele Jahre lang zog es mich immer wieder dorthin, an den Ort, der mir aus unbekannten Gründen ans Herz gewachsen war:  ob mit meinen diversen, klapprigen Autos, oder auch anfangs mit meinen Kleinmopeds und später den Motorrädern.

Ich habe unser Landheim und die Umgebung in den all den Jahren bestimmt 10 Mal besucht, wagte es aber nie, die "Heimeltern", wie sie zu unserer Schulzeit hießen, um einen Einlass zu bitten... Vielleicht hätten die vielen Veränderungen meine tollen Erinnerungen gestört?

Eines Tages allerdings, vielleicht Anfang der neunziger Jahre, als ich zuletzt dort war, klopfte mein Herz unbändig vor Freude:  
 
Über dem Eingang zu unserem Bolzplatz prangte eine riesiges Holz in Form eines Baumstammes mit der Aufschrift "Fips Rohr-Stadion"! Eine Hommage an ein Unikum im Lehrerkollegium, zuständig für französisch und Sport: alleine durch seine kleine Figur mit den ausgeprägten O-Beinen, die ihm seinen Namen gaben; aber auch sein schon damals ältliches Gesicht, das immer zu lächeln schien, war ein Markenzeichen. Er schien unendlich geduldig und gutmütig, wurde aber stets respektiert!
 
Ich selbst hatte zu "Fips" eine recht persönliche Beziehung: war ich doch als vielseitiger Sportler fast ständig unter seiner Obhut; ob beim Fußball, in der Leichtathletik oder beim Turnen. Zudem hatte ich Kontakt mit einem seiner Söhne, dem Gernot Rohr; mit diesem durfte ich (unter Leitung von Fips) sogar einmal ein Fußballspiel einer Mittelstufenauswahl unserer Schule gegen eine Schülerauswahl aus Edinburgh bestreiten: er als Spielführer und ich im Tor!
 
Gernot spielte übrigens später in der französischen Nationalmannschaft und war auch zweimal im Europapokal dabei...

Daten zu Philipp "Fips" Rohr:

*10.08.1918 † 30.09.2007

Spieler VFR Mannheim 1936 -1944, Trainer 1959 - 1962; Trainer Chio Waldhof 1973 - 1975
 
Eine spätere Begegnung mit Fips ist mir noch sehr gut in Erinnerung geblieben: 
 
Ich wollte aus wohl genetischen Gründen einfach nicht weiter wachsen und wechselte deshalb die Torpfosten: Im Mannheimer Verein SV Waldhof stieg ich zuerst aus dem Fußballtor aus wurde Mittelfeldspieler. Danach stieg ich komplett um und übernahm in der zweiten Mannschaft der Handballabteilung den Posten des Torhüters.
 
Eines Tages, (einige Jahre nach der Schule), bei der üblichen Sitzung nach dem Training im Vereinsheim, bekam ich von hinten eine Hand auf die Schulter gelegt und hörte die Worte: "Na, du hast wohl die Seiten gewechselt?"
 
Ich drehte mich um staunte nicht schlecht: Fips stand hinter mir, mit seinem unverkennbaren, freundlichen Lächeln, das sich in diesem Moment ob meiner totalen Überraschung zu einem dicken Lachen verbreiterte! Er war zu dieser Zeit Trainer des Fußball-Zweitligisten SV Waldhof und mit seiner Mannschaft gerade ins Vereinsheim gekommen. "Jaja, ich kenne dich noch! Alles Gute!" sprach's und verschwand mit zwei Klapsen auf meine Schulter zu seinem Team... 
 
Zugegebenermaßen war ich stolz auf diese Begegnung; aber die verblüfften und fast ehrfurchtsvollen Gesichter meiner Sportkameraden gaben noch eins drauf!
 
Ab diesem Moment erinnerte ich mich wieder so sehr an die Schule, dass ich beschloss, mit meiner 250er Suzuki wieder einmal das Landheim zu besuchen; obwohl Fips damit nichts zu tun hatte!
Und während dieser Schreiberei im Jahr 2012 denke ich, dass es wieder einmal Zeit wäre, dort vorbeizuschauen...