Motorrad-Tour


Irgendwann im September 2007




Herrlich, absolut seelenaufgehend, diese kleine Tour, knapp am Pfälzer Wald vorbei!

Kurven hatte ich schon satt genossen, mein Genick klagte deswegen schon ein wenig; ein Elend, das mich wohl bald das Mopedreiten überdenken lassen sollte, denn irgendwann würde es wohl keinen solchen Spaß mehr machen.

Zurzeit war aber alles einfach genial.

Das Wetter: Ein Gedicht! 

Zwar war es recht kühl im Fahrtwind, aber die Sonne geizte nicht mit ihrem Schein und tauchte die früherbstliche Gegend in ihr angenehm warmes Licht. Die kleinen Straßen bogen sich fröhlich vor den Rädern von einer Kurve zur anderen, und auch die Natur jauchzte mir zu: sieh mich, riech mich, trink mich in deine Seele! 

Was ich auch tat, bis in die letzte Faser… 


Meine 650er Kawasaki, Baujahr 1977, hatte das bisher sicherlich ebenso genossen, sonst hätte sie mich nicht so sanft und willig durch die Kurven und die traumhafte Landschaft mal geschaukelt, aber auch oft gejagt! Kurvenhatz mag sie ja ohne Ende, und das haben wir absolut gemeinsam. 


Auf einem eher langweiligen Stück schnurgerader Straße, schon in Richtung Heimatgarage, hatte die Kawa aber plötzlich so etwas wie Hustenanfälle: Sie spotzte und ruckelte! 


Jesses, Mädel, was hast du denn bloß?

Erschreckt und voll der Sorge um mein Mopped hielt ich an dem äußerst knappen Straßenrand an, weil ich das notgedrungen tun musste: die Kawa hatte nämlich ihren Motor einfach ausgehen lassen… Faules Stück!

Nach einer kurzen Bestandsaufnahme musste ich aber diese Beleidigung wieder zurück nehmen, weil ich selber das faule Stück war:
Ich hatte nach dem letzten – viel zu kurzem Tankstopp – vergessen, den Reservehebel wieder auf ‚normal’ zu stellen; deswegen war ich von der drohenden Benzinknappheit nicht gewarnt worden, sondern lag einfach dumm da; ohne jeden Sprit im Tank. Zwar nur etwa 20 Kilometer vom Zuhause entfernt, aber auf so einer einsamen Landstraße bedeutete das sicher das gleiche, als ob ich am Nordkap gestrandet wäre.

Während einer guten Stunde des Wartens auf Irgendetwas labte ich mich an zwei Landjägern, die ich vorsichtshalber wegen meiner mir allzu gut bekannten Hungerattacken in die Taschen gesteckt hatte, rauchte zwischendurch bestimmt fünf Selbstgedrehte und dachte darüber nach, warum eine Straße in diese hübsche Landschaft gefräst worden war, die außer mir keiner benutzte?

Die nette Sonne deutete an, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde, bis sie sich ins Bett verziehen müsse; vielleicht zwei Stunden noch.
Ich dachte ähnlich, sah jedoch neben dem Straßenrand kein Bett, sondern nur einen schon gepflügten Acker; mit etwas Grün, ganz am Anfang, kurz neben dem Straßenrand.

Na ja, das wäre ja keine Novität. Wo ich schon überall übernachtet hatte…
Aber ohne Futter: das würde hart werden!

Inmitten des gedanklichen Bastelns einer Schlafstatt hielt ein Auto an; ein echtes Auto, keine Halluzination!
Kurze Frage an mich, kurzes Nachsehen im Kofferraum des Autos, und der nette junge Mann hob grinsend einen kleinen Benzinkanister ans Licht!
Beim Schütteln des Plastikkanisters allerdings grinste er nicht mehr so stark; es wurde ziemliche Verlegenheit daraus: eine Horchprobe ergab eine Hochrechnung von etwa einem Liter Sprit…
Egal, mistegal! Rein damit in meinen Tank! Das würde schon eine Weile reichen bis zum nächsten Liegenbleiben, vielleicht hätte dann mehr Glück!

Der junge Mann hob noch den Daumen als gutes Omen, zuckte dabei aber dabei bedauerlich die Schultern und meinte, dass jetzt, wo der Kanister leer ist, die beste Situation geschaffen sei, mal wieder aufzufüllen: man kann ja nie wissen...
Ich wollte auch nicht wissen, wie viele Jahre das Benzin schon zur Verdunstung gebraucht hatte, und ob es überhaupt noch fahrbar war, aber zumindest Letzteres würde ich ja gleich herausbekommen.

Tatsächlich sprang meine liebe Kawa wieder an, und ich suchte mir den geradlinigsten Weg zurück in heimische Gefilde: der führte schon nach ein paar hundert Metern auf eine zweispurige Bundesstraße; und dort ließ ich das Mopped mehr rollen als fahren: ständig im letzten Gang gondelnd zog ich immer wieder die Kupplung, um im Leerlauf Sprit zu sparen.

Eine sehr spannende Fahrerei war das nicht unbedingt:
Es ist ja sowieso ödend ohne Ende, immer nur geradeaus zu fahren, und wenn man dabei den Gashahn nicht ab und zu richtig aufdrehen kann, dann wird es spätestens nach drei Kilometern – gefühlsmäßig – zum Kinderwagenschieben. Ätzend.

Während dieser Gondelei überlegte ich, ob ich nicht lieber wieder über die Dörfer fahren sollte, vielleicht würde es ja irgendwo eine Tankstelle geben. Aber es war mir dann doch zu unsicher: wenn ich wieder liegen bleiben sollte, war ich hier besser aufgehoben, da kamen wenigstens Autos vorbei!

Aber ich schaffte es tatsächlich mit dem letzten Tropfen Sprit bis zu einer Tankstelle am nördlichen Rand Ludwigshafens!
Kurz schaute ich in den Geldbeutel, ob auch was drinne ist: tatsächlich; ein glatter Zehner! So vertankte ich den also und wischte mir dabei den Schweiß von der Stirn: wieder mal Glück gehabt…

Bis es an der Kasse ans zahlen ging…

Ich Oberheini hatte beim Tanken auf die Literanzeige statt auf den Betrag geschaut! Schon wieder geriet ich ins Schwitzen; das Abwischen vorhin hätte ich mir sparen können.
Mir fehlten nicht nur rund 4 Euro, sondern auch sämtliche Worte…

Die junge, hübsche Angestellte bemerkte mein Zögern und fragte, was denn los sei: hatte ich vielleicht den falschen Sprit getankt?

Ich erzählte kurz die ganze Story und mein Missgeschick eben beim Tanken (das passendere Wort Dummheit kam mir nicht über die Lippen), und sie musste grinsen. Sie bot mir lieb und freundlich lächelnd an, dass ich dann halt das Gästeklo putzen könnte, das hätte es bestimmt nötig!
Ich entdeckte aber sofort den Schalk in ihren Augen, ließ es mir aber nicht anmerken und fragte todernst, wo ich das Putzzeug finden könne; selbstverständlich würde ich dieses großzügige Angebot sehr erleichtert annehmen.

Sie guckte mich erstaunt an; etwa so, wie man einen Esel anglotzt, der sich gerade eine Zigarette dreht.

Als ich dann noch zusetzte, dass, falls das Klo - wider  erwarten - sauber sein sollte und ich dann als Ersatz die Fenster putzen könnte, bemerkte sie wohl das Leuchten in meinen Augen und lachte herzlich!

Sie bot mir an, mir das Geld einfach vorzustrecken, ich könne es ja demnächst vorbei bringen. Ein Herzstück; schade, dass sie weniger als halb so alt war wie ich…

Ich ließ mir aber dennoch den Schlüssel zur Toilette geben, weil ich Durst hatte wie ein Elefant und kein Geld mehr; dafür sollte der Wasserhahn umsonst herhalten.

Bei der Schlüsselrückgabe gab ich das feierliche Versprechen, mein Wort zu halten: zwei solche hilfreiche Dienste an einem Tag sollte man als gutes Zeichen werten!

Wir winkten uns noch fröhlich zu, und ich zog weiter…
…bis ein anderes, äußerst heftiges Problem auftauchte!

Ich hatte schon lange vor meiner kleinen Tour nichts mehr getrunken, deswegen hatte ich ja einen so mörderischen Brand. Der Grund für diese Abstinenz lag daran, dass ich schon längere Zeit an Durchfall litt, sobald ich Flüssigkeit zu mir nahm. Und jetzt schlug Montezuma gnadenlos zu, und ich geriet schon wieder ins Schwitzen!

Zurück zur Tanke war zu weit, ebenso bis nach Hause! Jesses…

In der Nähe wohnte aber eine gute Freundin, direkt auf meinem Weg: dort war natürlich niemand zu Hause.

Die drei Kilometer bis zu meiner Haustür waren die längsten, die ich je gefahren bin, obwohl ich Gas gab wie ein Bekloppter.

Mopped abstellen, Haustür aufschließen, unendlich langsam und doch so schnell wie möglich hoch in den zweiten Stock, dabei schon mal die schwere Jacke öffnend; vor der Wohnungstür rannen Schweißströme unter dem Helm hervor, den ich immer noch auf hatte…

‚Keine Panik!’ redete, nein: schrie ich mir zu! ‚Bleib cool! Und trocken!!’

Direkt vor dem Klo überkam sie mich aber doch, die Panik: es war ja schon etwas kalt draußen, weswegen ich mehrere Schichten Unterwäsche anhatte, zwischen die ich mehrere Schichten Shirts geklemmt hatte; und der Nierengurt lag auch noch irgendwo zwischen diesen Schichten…

Freunde! Wer so etwas schon einmal erlebt hat, weiß, wovon ich rede!

Im allerletzten Moment vor der großen Explosion…

…hatte ich es schließlich doch noch geschafft!

Freunde, wer diese Erleichterung kennt, weiß ganz genau, wovon ich rede.

Was für ein Tag…