Lebensrettung im Frühsommer 2006




Ein Mörderkater auf der Lauer...


Mein Kater Mikesch hatte es sich in dem noch eingepackten Sonnenschrirm unter dem Balkontisch urgemütlich gemacht, obwohl er ziemlich unsicher dreinschaut: er war ja noch nicht lange bei mir, und so eine Freiheit wie einen Balkon hatte er vorher wohl nie erleben dürfen!

Plötzlich aber wurde er durch aufgeregte Töne hellwach: 'Da! Dort auf der Balkonbrüstung tut sich was! Getzwitscher und Gepiepse! Nix wie hin!' - nichts mehr von irgendeiner Unsicherheit war zu spüren...

Wie ein geölter Blitz hatte er sich dann ein unerfahrenes Spatzenjunges, das sich zwischen den Geranien neugierig umsah, aus dem Balkonkasten geklaut und sauste damit quer durch die Wohnung, um wohl in einer dunklen Ecke mit ihm zu "spielen".

Ich hatte allerdings entschieden etwas dagegen: also sauste ich hinterher!

Unter dem Wohnzimmertisch konnte ich Mikesch kurzfristig stellen und sah dabei etwas Rotes auf dem Bäuchlein des Spatzenknaben, den er quer im Maul hielt - oje, dachte ich, zu spät...

Meinen lautstarken Aufforderungen im herrischsten meiner möglichen Töne, den Bubi wieder in seinen Balkonkasten zu bringen, kam der Kater natürlich nicht nach; im Gegenteil: eine Lücke in meiner Angriffsposition nutze er geschickt aus und fetzte mit seiner Beute weiter durch alle Zimmer der Wohnung - und ich natürlich wieder hinterher.

Weder im Schlafzimmer, noch in einer Ecke hinter dem Schreibtisch, noch im Bad konnte ich den Brutalo zur Strecke bringen! Ins Wohnzimmer traute er sich wohl nicht mehr, da er dort schon einmal fast gestellt worden war.

Wieder zurück in der Küche, in einem Eck neben der Balkontür, erwischte ich den Räuber am Schwanz, und das behagte ihm überhaupt gar nicht: eine Katze kann wohl nicht gleichzeitig protestierend miauen und gleichzeitig seinen Fang im Fang behalten...

Das kleine Federknäulchen nutze die Chance und zischte ab aus den Zähnen des Häschers - und knallte genau gegen das Küchenfenster...

Dem Mörderkater blieben nur einige kleine Blütenblätter der roten Geranie übrig, die er verächtlich ausspuckte und sich dann mit mörderischer Geschwindigkeit irgendwohin aus dem Staub machte!

Das war also das Rote, das ich schon als Zeichen der Apokalypse auf dem Bäuchlein des Spatzenbubis gesehen hatte...

Der Federknirps hockte, gottseidank unversehrt, aber mit mit einem wahrscheinlich gehörigem Brummkopf, völlig erschöpft auf der Fensterbank zwischen den Blumentöpfen, nachdem er wieder und wieder an das Glas der Scheibe geknallt war. Auf die Idee, dass er es direkt neben dem Fenster durch die offene Balkontür versuchen könnte, ist er in seiner Panik wohl nicht gekommen.

So konnte ich den kleinen Wurm rasch in die rechte Hand packen!

Sein Herzlein raste wie wild; die wunderschönen Äugelchen waren weit aufgerissen, das Schnäbelchen ebenfalls, um gierig atmen zu können; das kleine Züngelchen lugte dabei weit heraus.

Als ich das Viechlein so durch die Gegend trug und ihm dabei immer wieder über das Köpflein strich und beruhigende Worte zuflüsterte, entdeckte ich die kleine Sony auf dem Schreibtisch: DAS war es! Die Situation musste festgehalten werden!

Ich schnappte das Teil mit der linken Hand, ohne den geringsten Schimmer, welche Einstellungen ich zuletzt verwendet hatte; auf dem Balkon schoss ich blindlings ein paar Bilder in Richtung meiner rechten Hand mit dem kleinen Kerl darin.

Ergebnis: natürlich mager; aber man kann schon erahnen, dass der Piepmatz anfangs noch in heller Panik war und sich danach gehörig beruhigt hatte! Und ich mich auch; mein Herz hatte beinahe so schnell geschlagen wie das des beinahe-Opfers...

hastige Momentaufnahmen:







Nach einer Weile war der Knirps wieder völlig ruhig; er blickte neugierig herum, ohne sich befreien zu wollen! Gerne hätte ich ihn noch weiter geknuddelt (es ist einfach unheimlich süß, so was in meiner Hand zu spüren!), aber ich wollte ihn dann doch zu seinen Kumpels in den großen Fliederbusch entlassen, also öffnete ich die Hand:

Spätzchen blieb eine Weile zusammengekauert hocken, guckte sich nur um. Dann stand er auf, schaute mir direkt ins Gesicht und meinte: "Piep!!" Ein weiteres "Piep?" in Richtung Flieder, noch mal ein kurzer Blick zu mir; und dann flatterte er zurück zu seiner Spatzenbande - und alle waren glücklich...

...außer meinem Kater, der mich ziemlich vorwurfsvoll anmaunzte...