Irre, was man mit einem Weisheitszahn anstellen kann.

Eine unglaubliche Geschichte mit einem unglaublichen Werkzeug...
Aber alles total wahr; unglaublich wahr, im Jahr 2007!



Pfingsten: eine Zeit des Verschnaufens zwischen vielleicht hektischen Arbeitstagen, Sehnsucht nach Natur und Erholung.

Das kleine Zahnweh, rechts unten und ziemlich weit hinten, sollte mich nicht weiter stören; so jedenfalls hatte ich es beschlossen.
Schließlich ist nach Pfingsten auch noch Zeit, zum Zahnarzt zu gehen; und heute, am Donnerstag, ist eh kein Termin zu kriegen wegen so einer kleinen Beschwerde: immerhin hatte ich es versucht, aber die nette Zahnarzthelferin vertröstete mich mit lieben Worten auf die nächste Woche. Okay, dachte und sagte ich, dann also bis nächste Woche!

Ich kam aber dort nie an....

Freitagabends
 
…zog ich mir die Reste meiner Schmerztabletten rein, aber die waren wahrscheinlich schon zu alt; mir wurde es einfach nur schlecht davon. Geholfen hat dann - zumindest ein klein wenig - eine große Ladung Bier von der Tankstelle, aber auch nur für wenige Stunden.

Samstag vor Pfingsten:

An diesem Morgen hatte ich nicht nur stärkere Zahnschmerzen, sondern auch noch einen mörderischen Kater und einen verdorbenen Magen.

Alles gefiel mir überhaupt gar nicht. Zuerst konnte ich mich nicht entscheiden, was schlimmer ist; ich entschied mich aber für die Schmerzen. Deshalb rief ich in meiner Not und mit knurrendem Magen ich einen Notdienst in Mannheim an, - in meiner Stadt Ludwigshafen konnte ich keinen finden! -, jedoch wurde mir mitgeteilt, dass die Notsprechstunde nur von 10 bis 12 Uhr dauert und es sowieso zu viele Notpatienten gibt, die sich dort schon befinden. Außerdem hätte ich ja schon gestern anrufen können, wenn es so schlimm ist, und außerdem ist es ja sowieso schon weit nach elf Uhr!

‚Danke, liebe Zahnarzthelferin, ich wünsche dir zu Heiligabend einen entzündeten Zahn!’ dachte ich, sprach es aber nicht aus, weil ich kaum noch sprechen konnte.

Wortlos und mit einer aufgequollenen rechten Gesichtshälfte, die eher meiner rechten Gesäßhälfte entsprach, hob ich danach an der Tankstelle ein Sixpack hoch mit der Andeutung, dass ich das gerne bezahlen würde. Die Andeutung wurde verstanden, sogar mit einer mitleidigen Frage, was denn auf der einen Seite meines Gesichts los sei! „Znschmrzn“ brachte ich gerade so zwischen den zusammengepressten Lippen heraus, und erntete Mitgefühl und die besten Wünsche.

Das Sixpack bzw. sein Inhalt bewirkte aber nichts, rein gar nix! Außer, dass ich natürlich heftig einen in die Krone bekam.
Gegen Abend lief ich Amok im Wohn- und Schlafzimmer, auch in der Küche und auf dem Balkon; den Flur nicht zu vergessen!
Mein rechtes Auge sah kaum noch, wohin ich trampelte, weil der Schmerz bis dorthin Einzug gehalten hatte; das linke Auge sah auch nur sehr wenig, weil es im Tränenwasser schwamm...

Fast irre zog und rüttelte ich mit den Fingern an diesem blöden Ding, das ja sowieso schon recht wackelte wegen den Paradonthoseproblemen: ich wollte es einfach loswerden! Aber mit den Fingern ging es nicht, und die Rüttelei trieb die Schmerzen in Höhen, die ich gar nicht für möglich gehalten hatte: ich dachte bisher, dass sie schon auf dem Gipfel angelangt wären!

Also formte mein gemartertes Hirn eine Idee: ‚Nimm eine Zange!’

‚Bist du jetzt vollkommen durchgedreht?’ erwiderte ich und erkannte aber gleichzeitig, dass dies eine Lösung sein könnte, bevor wir beide in der Tat vollkommen durchdrehten; außerdem hatte Hirni ja schon des Öfteren grandiose Einfälle in heiklen Situationen gehabt…

Eine Zange aus meinem Werkzeugkasten war schnell da: ich stellt mich vor den Spiegel im Bad, was eigentlich Unsinn war, weil ich ja sowieso kaum noch etwas sehen konnte, aber immerhin erkannte ich mich; und wahrscheinlich wollte ich dem irren Typen wenigstens halbwegs in die Augen sehen, der mir so etwas antut.

Mund aufgerissen, Augen ebenfalls, Zange angesetzt und zugepackt, nach einer halben Sekunde mit der Zange abgerutscht...
Meine Fresse!

Zahn lockerer, aber noch drin und vor allem: Der Schmerzengipfel erreichte schon wieder eine ungeahnte Höhe...

Jetzt konnte ich aber nicht mehr zurück! Die Zange war wohl nicht geeignet; also hurtig an den Kasten: da gab es noch eine größere Zange, die etwas gebogen war (abgekröppt oder wie das heißt, was mir aber in dem Moment völlig egal war).

Mit geschlossenem Mund jammernd wieder zurück zum Spiegel: Mund auf, Zange rein, zugepackt und die Zange mit einem noch heftigerem, aber immer noch unterdrücktem Jammern, das aber gleichzeitig auch ein Ansporn zur letzten, verrückten Aktion sein sollte, mit einem heftigen Ruck nach rechts weggezogen –
Zahn raus und durch die Wucht des Zuges gegen die Wandfliesen geknallt!

Vor lauter Schreck ließ ich auch noch die Zange fallen, die einen Abplatzer am Rand des Waschbeckens hinterließ und beim Absturz auf meinen großen nackten Zeh knallte; natürlich mit dem schwersten Teil, das so eine Zange aufweisen kann; der gummi-ummantelte Griff hätte ja logischerweise nicht genügt…

Innerhalb von zwei Sekunden überlegte ich, wie ich diese Blessuren an der Wand, am Waschbecken und auf dem Zeh wohl wieder wegbekommen würde? Dann aber widmete ich mich der Realität in meinem Mund und verschob die anderen Probleme.
Erstaunlich: schon nach wenigen Sekunden des Blutspuckens war der Schmerz kaum noch zu spüren!

Nach dem relativ kurzem Ausbluten über dem Waschbecken hab ich mehrmals mit einer Mischung aus Wasser und viel Teebaumöl gespült, um einer Infektion vorzubeugen; diese Prozedur genoss ich regelrecht, denn der Aberwahn in meinem Mund und in meinem Kopf war weg!

Pfingsten konnte ich nun vollauf genießen: nicht nur mit dem Abfotografieren der Marterwerkzeuge und dem Opfer, sondern auch in der herrlichen Natur in der Umgebung...



Zugegeben: ein wenig (mindestens!) verrückt bin ich ja schon, wie der geneigte Leser schon festgestellt haben wird; diesmal aber war es doch schon eine überaus ungewöhnliche Aktion, die mich aber vielleicht vor dem Irrsinn gerettet hatte…

Hatten Sie schon einmal Zahnschmerzen?