Zwangsumzug wegen vorgetäuschtem Eigenbedarf -
eine Story, die es in sich hat!

Ich wohnte in einem kleinen Häuschen mit einem wunderschönen, sehr naturnahen Garten und fühlte mich dort sauwohl - 18 Jahre lang...
Zum Ende des Juni 2006 wurde ich gekündigt, weil angeblich wegen gesundheitlichen Problemen meines ehemaligen Vermieters meine Wohnung im ersten OG mit der darunter liegenden, gerade leer stehenden Wohnung zusammen gelegt werden sollte und sich der Sohn Michael, der im zweiten OG eingezogen war und das Häuschen von seinem Vater übernommen hatte, besser um seinen Vater kümmern könnte.
Zwar hatte der Vater tatsächlich Probleme wegen eines vorangegangenen Schlaganfalls, aber dennoch war meine Kündigung eine Farce, geschickt eingefädelt.

Bilder meines Chaos-Umzuges gibt es am Ende dieser Erzählung!




Vorgeschichte:

Sehr weit über ein Jahr hatte ich bereits nach einer neuen Wohnung gesucht, nachdem mir die Eigenbedarfskündigung vor die Nase geklatscht wurde.
Auch eine Anwältin, die ich einschaltete, wusste sehr genau, dass diese Begründung vorgeschoben war, konnte aber nichts dagegen unternehmen, da das Gericht zweifelsfrei eine erforderliche Unterstützung des kranken Vaters durch den Sohn, der im gleichen Haus wohnen würde, jedem Härtefall eines Mieters bevorzugen müsste; die Tatsache, dass der Vater mehrere Häuser besaß, in denen Wohnungen für diesen Eigenbedarf frei gemacht werden könnten, würde ebenfalls nicht akzeptiert werden: einzig dieses kleine Häuschen, um das ich mich seit 18 Jahren kümmerte, als sei es mein eigenes, würde den sozialen und familiären Ansprüchen dieser ‚geplagten Familie’ gerecht!
Eine andere Alternative würde in den Besitztümern der Familie nicht gefunden werden; schließlich müssten sich die Eltern sogar von ihrer noblen Villa trennen, weil das große Haus samt großem Grundstück wegen der Erkrankung des Vaters nicht mehr genügend gepflegt werden könne...

Die Anwältin würde aber versuchen, eine angemessene Entschädigung für mich herauszuschlagen; mehr wäre mit Sicherheit nicht möglich, also keine Wohnberechtigung mehr für mich im zweiten OG dieses Drei-Parteien-Häuschens.
Die weiteren Begründungen der Eigenbedarfskündigung erspare ich mich hier; sie wären der Höhepunkt eines Zirkusabends.
Es sei nur darauf hingewiesen, dass allein das Arbeitszimmer des Vaters in seiner Villa mit rund 60 qm die Größe meiner gesamten Wohnung überschritt. Und jetzt wollte er unbedingt in meine kleine Wohnung einziehen, wie folgendermaßen begründet wurde:

Meine Wohnstatt sollte als ‚pflegebedürftiger Bereich’ und die darunter liegende, gerade leer gewordene Wohnung im Erdgeschoss für seine Ehefrau eingerichtet werden, weil es aufgrund der Krankheit des Vaters nicht mehr möglich sei, in einem gemeinsamen Schlafzimmer zu übernachten; und außerdem sei mein Badezimmer, in dem sich angeblich als einzigem seiner Besitztümer noch eine Badewanne befand, ein zusätzlich erheblicher Grund: eine Duschkabine aufgrund seiner schweren körperlichen Behinderung könne er nicht mehr in Anspruch nehmen.

Ins erste OG würde er also noch die engen Treppen gehen können, trotz seiner überaus schweren Einschränkungen?
Zum Kotzen waren diese ‚Begründungen’!

Der Vater hatte zwar Schäden davon getragen: linker Arm fast gelähmt, linkes Bein zog er schwerfällig nach, wie es bei einer solchen Krankheit üblich ist. Aber einen ‚dauerbedürftigen Pflegefall’, wie begründet wurde, stellte er keinesfalls dar!
Wie war es sonst möglich, dass er mit seinem großen Jeep regelmäßig seine Mieter in den verschiedenen Häusern besuchte und ihnen - seiner Gewohnheit entsprechend - Mieterhöhungen oder sonstige Restriktionen aufdrückte? Sich unregelmäßig überall in seinen Besitztümern umsah und auch ohne Fahrstuhl in Wohnungen im fünften Obergeschoss von dem ‚ordnungsgemäßen Zustand’ überzeugen wollte, ohne vorherige Ankündigung natürlich?

Für einen ‚regelmäßig Pflegebedürftigen, der unter ständiger Aufsicht seiner Familie in Obhut genommen werden muss und sich nur mit großen Schwierigkeiten selbstständig fortbewegen kann’ (so ein Urteil eines offensichtlich blinden Richters gegen meinen Widerspruch der Eigenbedarfskündigung), ist dieses Urteil nicht nur lächerlich, sondern zusätzlich unsäglich traurig...

Ich könnte schon wieder kotzen... Auch im Nachhinein.

Aber jetzt zu meinen persönlichen Schwierigkeiten:

Warum fand ich keine andere Wohnung?

Erstens war ich zu dieser Zeit arbeitslos, und keiner wollte einen Arbeitslosen haben; zudem war mein Kater nirgendwo willkommen. Wenn doch jemand - allerdings ohne Kater - bereit wäre, müsste ich allerdings eine Mietbürgschaft vorlegen können, falls ich einmal in Zahlungsschwierigkeiten geraten würde.
Auf der Suche nach einer solchen Mietbürgschaft gingen Bekanntschaften, Freundschaften und sogar verwandtschaftliche Verhältnisse in die Brüche!
Wenn es um Geld geht, scheinen tatsächlich verschiedene Universen zu existieren: Obwohl ich mein geliebtes Motorrad als Pfand anbot, das ich nie und nimmer im Stich lassen würde, wurde ich selbst im Stich gelassen…
Mit zum Teil unfassbaren, ja unglaublichen Begründungen wurden meine Hilferufe höflich, aber bestimmt abgelehnt.
Auch die Tatsache, dass die Miete direkt vom Arbeitsamt überwiesen wird,  konnte die Hemmnisse von potenziellen Mietern und bestehenden Freunden nicht überwinden!

Verdammt alleine stand ich jetzt da, verzweifelt, wie selbst die besten Freunde und sogar die allernächste Verwandtschaft darüber hinweg sehen konnten, dass ich in absehbarer Zeit obdachlos sein würde!


Am Montag, den 19.6.2006
erhielt ich als Antwort auf einen letzten Hilferuf einen Brief von meinem Patenonkel, den er einer Tochter diktierte, weil er schon zu alt war zum Schreiben: Er würde diese Mietbürgschaft übernehmen, schließlich sei ich sein Patenkind; ich sollte ihm den Text dafür zuschicken! Noch bevor ich diesen Text aufsetzen konnte, geschah ein Wunder nach dem anderen; lest diese Unglaublichkeiten; aber vorher noch ein

Einschub, der das erste Wunder beschreibt:

Ein wildfremder Mensch namens Götz aus Berlin war über meine Homepage gestolpert, und er nahm Kontakt zu mir auf, weil wir doch einige Gemeinsamkeiten hätten, wie er sagte, und er meine Page als äußerst interessant empfunden habe.

Ich schilderte ihm meinen jetzigen Zustand, und es geschah das erste Wunder, etwa zu der Zeit, als mein Patenonkel seinen Brief absendete; ich wusste ja noch nichts davon, aber allein sein Wille, mir helfen zu wollen, schien eine Wende in meinem derzeit beschissenen Lebenszustand herbei zu führen: Götz erklärte sich spontan bereit, mir eine Mietbürgschaft bis zur maximalen Höhe von 2.000 Euro auszustellen - obwohl ich ihn niemals um so etwas gebeten hätte oder auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet hätte!



Die Story meines Umzugs:

Mittwoch, 21.6.2006

Wieder einmal las ich die Wohnungsanzeigen, und wieder einmal rief ich ziemlich hoffnungslos auf ein Inserat an; diese Hoffnungslosigkeit ließ ich mir aber in meiner Stimme nicht anmerken: Gleich vorneweg fragte ich freundlich, ob sich Arbeitslosigkeit oder ein Wohnungskater negativ auf eine Bewerbung auswirken könnten, denn es hatte sich gezeigt, dass beides bei vielleicht Hundert Bewerbungen unüberwindbare Hindernisse gewesen waren.

Ich war völlig baff, als es hieß: „Nein, warum? Die Miete wird doch vom Arbeitsamt bezahlt, und eine Katze fällt unter Kleintiere und kann gar nicht verboten werden!“

Ich dachte, ich höre nicht richtig! Mein Herz schlug heftiger, meine Aufregung konnte ich kaum verbergen: sollte jetzt endlich, eine Woche vor meinem Rausschmiss, doch noch ein Hoffnungsschimmer auftauchen?

Freudig antwortete ich, dass dies eine perfekte Basis sei, und ich würde mir sehr gerne die Wohnung anschauen. Der Vermieter erklärte mit freundlicher Stimme, dass ich aber nicht vor Schreck umfallen sollte, weil die Wohnung in einer äußerst miserablen Verfassung sei. Ich meinte lachend, dass wir da eine Gemeinsamkeit hätten: mir ginge es genau so!
Ein kurzes Lachen am anderen Ende der Leitung machte mir noch mehr Hoffnung...

Gleich für den nächsten Tag machten wir einen Termin aus.

Exakt am Tage des Absendens dieser Willenserklärung meines Patenonkels war also das erste Wunder (durch Götz) geschehen! Und zwei Tage danach das zweite. Alleine die Bereitschaft meines Patenonkels also war der Auslöser für all die bisherigen und nachfolgenden Geschehnisse...
Ich muss bemerken, dass ich kein gläubiger Mensch bin. Aber alles, was ich hier schildere, können keine blanken Zufälle gewesen sein.



Donnerstag, 22.6.2006

Nicht weit weg, am Rande der Innenstadt, wartete der Vermieter vor dem Haus: lächelnd und mit einem lockeren Spruch begrüßte ich ihn, ein Lächeln und einen sehr intensiven Blick bekam ich mit einem warmen Händedruck zurück - falls es einen Bann gegeben haben sollte, so war er in diesem Moment weggewischt.

Das Haus: Fünf Stockwerke, schmutzig-graue Fassade, direkt an einer Hauptverkehrsstraße: nicht gerade mein Traum.
Die Wohnung im zweiten OG: Seit 20 Jahren nicht mehr renoviert, total versifft; ich traute mich kaum, irgendwo hinzulangen... Aber: ein großer Balkon nach hinten, in Richtung Südwest; inmitten eines großen Häuserkarrees Gartenanlagen, nur bei diesem Haus und dem daneben liegenden gab es nur einen kahlen Hof. Und: die Miete lag bei 252 Euro kalt; das ist nur knapp mehr, als mir vom Arbeitsamt erstattet werden würde und außerdem fast 70 Euro weniger als bei meiner alten Wohnung - und dabei sogar noch drei Quadratmeter größer!

Freundlich erklärte ich, dass ich das nicht sofort entscheiden könne, weil mir die Zeit zum Renovieren fehlt und ich innerhalb von sieben Tagen auch noch meine Wohnung eintüten müsse - beides zusammen ein Ding der Unmöglichkeit. Lockend wedelte er mit dem Wohnungsschlüssel und meinte, dass ich ihn sofort haben könne... Offenbar waren die Vorinteressenten nicht gerade nach seinem Geschmack gewesen.

Stundenlang an diesem Abend grübelte ich, wie das nur schaffen könnte! Schließlich hatte ich in meiner Wohnung noch keinen einzigen Schuhkarton gepackt, und meine beiden Keller strotzten vor Zeug, mit dem ich nicht wusste, wohin damit. Und was ist mit meinen vielen Garten- und Terrassenpflanzen?

Angesichts der Tatsache, dass ich Ende nächster Woche wohl auf der Straße sitzen würde und es mir bei diesem Gedanken sowieso schon seit Wochen äußerst miserabel erging, (mein Doc hielt mich für suizidgefährdet), sagte ich telefonisch zu. Ich würde das schon irgendwie schaffen, meinte ich; ich müsste halt das Schlafzimmer frei lassen und dort anfangen zu renovieren, währen der Rest der Wohnung zugestellt ist mit Möbeln und Kisten.

‚Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her’. Dieser Spruch hing in meiner elterlichen Wohnung im Flur, und ich hörte auch diese Worte meiner längst verstorbene Mutter ganz deutlich, bevor ich ins Bett ging, ohne noch einen Handschlag getan zu haben...



Freitag, 23.6.2006

Morgens rannte ich verzweifelt vom Obsthändler um die Ecke bis zu den nahen Lebensmittelmärkten, um Kartons aufzustöbern; mit recht bescheidenem Erfolg. Mein Kumpel Bernie half mir gegen die Mittagszeit, und wir konnten bei Aldi bestimmt 17 auseinander gefaltete Lebensmittelkartons ergattern. Meine Zuversicht sank unter Null Grad, denn ohne Kartons gibt es keinen Umzug, jedenfalls nicht so, wie ich gedacht hatte. Und in diese bisherigen Kartons würde ich wohl gerademal den Inhalt des Küchenschrankes, des Schreibtisches und des Spiegelschrankes im Bad unterkriegen...

Während wir die Kartons heimkutschierten klagte ich Bernie mein Leid, und er rief spontan einen Kumpel an, den ich nicht kannte: ob er wohl Zeit für eine Renovierung hätte? Ja, aber erst ab Montag! Immerhin eine freudige Mitteilung, obwohl ich dabei die Entschädigungszahlung des Vermieters ganz schön schwinden sah... Aber was sollte ich tun? Alleine würde ich das nie gebacken bekommen! Das war also das dritte Wunder: ich bekam unerwartet Hilfe...

Nachmittags unterschrieb ich den Mietvertrag, und schon wieder war ein kleines Wunder geschehen: Als ich in der Wohnung eintraf, waren da zwei Leute am Arbeiten, Nachbarn, die arbeitslos waren und eine WG in der Wohnung neben mir bildeten. Mein neuer Vermieter war wegen meiner Schwierigkeiten enorm beeindruckt und hatte die beiden mit 250 Euro gelockt, die Wohnung von Tapeten und Böden zu befreien...Was sagt man dazu?

Das nächste Wunder geschah noch an diesem Abend: Michael, mein noch-jetziger, junger Vermieter, war durch Gerichtsbeschluss dazu verdonnert worden, mir mit mindestens zwei Freunden beim Umzug helfen. Irgendwie hatte er eingesehen, dass wir das zu Viert niemals packen würden, - oder seine Kumpels hatten keinen Bock -, deshalb hatte er eine Umzugsfirma beauftragt! Schon wieder war ich völlig baff...

An diesem Abend schaffte ich es noch, einige Bananenkisten mit irgendwelchem Zeug zu füllen; völlig planlos.



Samstag, 24.6.2006

Mein neuer Vermieter lud mich ein, in einen Baumarkt zu fahren, um Böden einzukaufen: er würde sie spendieren! Schließlich sei die Wohnung unter aller Sau, und obwohl eine Renovierung bei Einzug vom Mieter vorgenommen werden müsste, könnte er mir das einfach nicht zumuten... Wieder ein kleines Wunder?
Ich entschied mich für Bodenfliesen in einem warmen, bräunlichen Ton, und wir karrten sie zusammen mit einigen Säcken Fugenfüllung in drei Schichten nach Hause; höllisch schwer, das Zeug! Soll immerhin für gut 55 Quadratmeter reichen, ohne das Bad. Neue Armaturen für Küche und Bad spendierte er mir auch noch; Tapeten und Kleister für rund 100 Euro waren meine Sache.

Auch an diesem Tag kam ich kaum dazu, irgendwelche Kisten in der alten Wohnung zu packen, schließlich waren ja auch keine mehr da. Also schlug ich einen Schrank im Wohnzimmer ab und lagerte dessen Inhalt auf dem frei gewordenen Platz zur späteren Eintütung. Die Schrankteile stellte ich an irgendwelche Wände, dort, wo gerade Platz war: Sinn und Ordnung gingen mir dermaßen ab, dass ich nicht einmal Kennzeichnungen an den Schrankteilen anbrachte... Wahllos und chaotisch hing und schraubte ich von Wänden und Decken ab, was ich die nächsten Tage nicht mehr brauchen würde; gestapelt wurde das alles auf dem Boden, verteilt über die ganze Wohnung. Laufen konnte ich nur noch auf schmalen Pfaden.



Sonntag, 25.6.2006


Eigentlich wie der letzte Teil von gestern: ausräumen, abschlagen und stapeln, bis knapp unter die Decken. Die Verzweiflung machte sich ganz dick in mir, das Chaos konnte ich nicht mehr überblicken.

Als ich einer ‚Ruhepause’ zwischen Balkon, Kellern und Terrasse pendelte, ohne einen einzigen Handschlag zu tun, erschlug mich dieses Chaos fast: angesichts der Unmengen, die hier herum standen und lagen, mit denen ich nicht wusste, wo ich sie unterbringen sollte; und dann noch mein Garten, den ich so sehr liebte...

Mehr als zwei Stunden später wachte ich wieder auf: es hatte mich in meine Liege auf der Terrasse geschmissen; ausgehungert, physisch und psychisch ausgemergelt, kaum noch fähig, die Gedanken an die verbleibenden vier Tage bis zum Rausschmiss zu ignorieren oder zumindest eine Art Hoffnung zu empfinden, war ich offenbar ohnmächtig in diesen Liegestuhl gefallen. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es, zum Treff mit meinem Kumpel Bernie und dessen Kumpel Andreas in der neuen Wohnung zu erscheinen. Andreas schlug 1.000 Euro vor für Deckenstreichen, Tapezieren und Fliesen verlegen. Mir blieb nichts anderes, als zuzustimmen und täglich eine Zahlung an die beiden vorzunehmen. Damit blieben mir von der Abstandszahlung und der Rückzahlung der Kaution gerade 600 Euro übrig, und davon musste ich wiederum 500 Euro Kaution an den neuen Vermieter zahlen. Diese restlichen 100 gingen bald drauf für Lacke, Pinsel, Lackrollen, Abklebeband, Schleifpapier und ähnlichem Kram. Es langte also, ohne dass ich an mein knappes Erspartes musste!

Einer der Nachbarn war gerade am Arbeiten, der andere hatte nach einem halbherzigen Versuch, im Wohnzimmer Schäden zu verputzen, wegen Alkoholproblemen die Arbeit eingestellt... Toller Nachbar. Die uralten Kunststoff-Bodenfliesen waren schon fast alle herausgestemmt, die meisten ebenso alten Tapeten fast alle ab: damit konnte es am Montag um neun Uhr für die beiden Renovierer losgehen! Höllisch knapp die Zeit, denn am Freitagmorgen sollte der Umzug stattfinden: vier sauknappe Tage!



Montag, 26.6.2006


Die Nacht war furchtbar, ich war froh, dass sie vorüber war!

Gegen halb acht Uhr kam einer der Umzugsmenschen vorbei und stellte mir 25 Umzugskartons in den Hausflur. Toll, jetzt konnte es richtig losgehen - obwohl ich eigentlich nicht in der Stimmung und auch kaum in der Lage dazu war. Aber es half nichts: also Kartons gepackt und gestapelt, so hoch es ging.

Zwischendurch radelte ich die 2,5 Kilometer in die neue Wohnung, um die Renovierungshilfen zu treffen: Andreas hatte schon mächtig losgelegt, ganz im Gegensatz zu Bernhard, der sich von Natur aus nicht schneller bewegen kann als ein Siebenschläfer - (sorry, Bernie, aber das ist nun mal so... *grins*). Bernie hatte das Streichen der Decken übernommen, während Andreas mit dem Fliesenlegen begonnen hatte. Der Nachbar war immer noch dabei, die restlichen Tapeten abzukratzen und die alten Bodenbeläge in den Hof zu schaffen; der andere hatte seine Vorauszahlung versoffen und war zu nichts mehr imstande... Der Tapetenabkratzer roch zwar auch nicht gerade abstinent, aber er machte wenigstens seine Arbeit! Wenn auch äußerst langsam.

Während einiger Plauderei schoss ich ein paar Fotos und radelte nach einer Stunde wieder zurück; eine Menge leerer Kartons warteten auf Befüllung, Möbel auf den Abschlag...

Zu allem Überfluss hatte ich in diesen Tagen auch noch eine Menge schwierigster privater Probleme, zu deren Bewältigung ich viele Stunden Zeit aufwenden musste. Die Gründe dafür gehören aber nicht in diese Erzählung. Jedenfalls lief mir die Zeit immer weiter davon, ich stand kurz vor einer enormen Krise!

Drei Menschen waren mir in dieser schweren Zeit noch übrig geblieben aus einer Gruppe von Bekannten und drei echten Freundschaften, die in die Brüche gegangen waren;  gescheitert an meinen verzweifelten Bitten um eine Mietbürgschaft!
Bernie hatte die Renovierung eingefädelt, ein anderer war gerade im lange geplanten Motorradurlaub, und Ute stand seit jeher in für mich nicht nachvollziehbaren Zeitnöten! Aber Ute wollte für Dienstag etwas Zeit woanders abnagen und mir beim Eintüten helfen; diese Ankündigung war mal eine Erleichterung…



Dienstag, 27.6.2006


Ute schaffte in knapp drei Stunden weit mehr Kartons, als ich in den beiden Tagen zuvor: grandios war sie! Vielleicht können nur Frauen so clever sein: unten Klamotten, dann Geschirr und anderes Zerbrechliches in Klamotten eingepackt und wieder Klamotten drüber; auf diese Idee wäre ich nie gekommen in meiner völligen Zerfahrenheit... Danach waren fast alle Schränke leer, und ein Hoffnungsschimmer tat sich vor mir auf, dass ich es doch noch schaffen könnte!

Wieder in die neue Wohnung geradelt, um nach dem Rechten zu sehen; Vermieter angerufen, weil die Fugenmasse nicht reichen würde, mit ihm zum Baumarkt gefahren. Dort hatte er mir auch noch eine neue Küchenspüle spendiert, musste sie später aber wieder zurück bringen, weil sie zu lang war: die Waschmaschine würde dann nicht mehr daneben passen...

Nach einigen Fotos, Plauderei und Kaffeeholen für die beiden Jungs radelte ich wieder zurück, entsetzt, dass ich wieder einige Stunden verloren hatte, und schlug weiter ab, schraubte ab, stöpselte ab, füllte Kartons und verzweifelte zwischendurch immer wieder mal kurz...



Mittwoch, 28.6.2006


An der prinzipiellen Verfahrensweise der letzten beiden Tage änderte sich nichts. Es war immer noch oberstes Gebot, das Chaos in den Griff zu kriegen!

Abgelenkt wurde ich wieder durch einen Besuch in der neuen Wohnung: die Jungs schufteten echt wie verrückt, bis zu zwölf Stunden am Tag! Außer an diesem Mittwoch: da hatte Andreas einen wichtigen Termin und konnte erst am Nachmittag kommen. Und ohne seinen ‚Polier’ und Antreiber stand Bernie etwas neben sich... Aber da er ein liebenswerter Mensch war und immer noch ist, verzieh ich ihm natürlich all die kleinen Fehler, die er bei seiner Arbeit machte: Hauptsache, es kann umgezogen werden in eine so gut wie fertige Wohnung: Böden und Tapeten müssen auf alle Fälle bereit sein!

Jede Stunde Besuch und Plausch ging von meiner wertvollen Zeit ab und kosteten mich Nerven! Morgen war der letzte Tag, an dem ich Gelegenheit hatte, meine Habseligkeiten einzutüten: am Freitag um acht Uhr wollten die Umzugsleute den Krempel abholen! So machte ich mich wieder daran, das Chaos in geradlinige Bahnen zu lenken; was mir natürlich nicht gelang. Dem Irrsinn nahe wütete ich weiter, und trotzdem nahm es kein Ende und auch keine Formen an!



Donnerstag, 29.6.2006


Wieder radelte ich in die neue Wohnung: wenigstens dort konnte ich erhebliche Fortschritte feststellen! Zwar würde bis morgen nicht alles fertig sein, aber die restlichen Tapeten könnte man ja auch später noch ankleben. Wichtig war, dass die Fliesen bis zum nächsten Morgen durchgetrocknet sein würden.

Im alten Zuhause sprang ich im Dreieck und sogar im Doppelquadrat; die Panik hatte mich fest gepackt, und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung und völlig planlos weiter eintüten, abbauen und dabei klaren Geistes erkennen, dass ich es nie schaffen würde!

Die Möbel waren zwar schon abgebaut und alles, was sich darin befand auch schon kartoniert; aber an Wänden und Decken gab es noch eine Menge Zeugs, das auch noch mit musste! Und in meinen beiden Kellern und auf der Terrasse hatte ich bisher kaum einen Finger gerührt...

Weit nach Mitternacht - mal wieder! - fiel ich auf die Matratze, das Bett war schon abgebaut. Albträume plagten mich, bis ich um fünf Uhr wieder aufstand: schweißgebadet und so gut wie am Ende meiner Kräfte...



Freitag, 30.6.2006 - Tag der Entscheidung!


Um acht Uhr stand Michael vor meiner Tür, er hatte sich für diesen Tag extra frei genommen; verblüfft fragte er, was ich denn bisher gemacht hätte, die Keller seien ja noch völlig voll, und auf der Terrasse herrsche ja auch noch völliges Chaos! Mühevoll blieb ich ruhig, nicht ohne ihm die Fresse polieren zu wollen; aber dazu war ich eh schon zu schwach. Er war wohl einfühlsam genug, sich schnell aus dem Staub zu machen und verfügte sich in den verwilderten Garten, (den ich aus Protest ein Jahr lang mit keinem Finger angerührt hatte), um dort etwas Ordnung zu schaffen - ohne zu fragen, ob er denn irgendwie helfen könnte!

Um neun Uhr traf der Umzugswagen ein, und sowohl der Chef als auch sein Vorarbeiter oder wie der heißen mag, staunten nicht schlecht: so ein unfertiges Chaos hätten sie noch nie gesehen - wo sollten sie denn anfangen? Ich wollte ja schon fragen, ob sie schon einmal ein fertiges Chaos gesehen hätten, ließ es aber sein und lotste die Burschen zuerst in die beiden Keller: Dort hatte ich es inzwischen geschafft, alles nicht mehr halbwegs Brauchbare halbwegs zu identifizieren und sagte einfach: wegwerfen! Das war natürlich vorher nicht ausgemacht, und so musste erst Michael seine Zustimmung geben, obwohl es ihn saumäßig ärgerte, denn das trieb natürlich die Kosten nach oben...

Der Chef fuhr los, um noch einen anderen Anhänger zu holen, mit dem er zur Müllverbrennung fahren konnte; währenddessen schleppten drei Leute schon mal Kartons und Möbelteile in den Umzugswagen - und ich, mittendrin, schraubte noch Lampen ab und Handtuchhalter und so Zeugs, nahm Bilder von den Wänden, entdeckte noch den Duschvorhang samt Stange im Bad und viele andere Kleinigkeiten, die mir bisher nicht in mein ge- und betrübtes Bewusstsein gedrungen waren.

Panik hatte ich inzwischen keine mehr, über dieses Stadium war ich schon längst hinaus: scheißegal war mir alles! Nicht einmal essen, trinken oder zwischendurch eine Selbstgedrehte rauchen konnte ich. Nach mir die Sintflut! Soll doch Michael zusehen, wie er den Rest packt, der noch übrig ist nachher... einschließlich vielleicht mir selbst...

Als der ‚Müllwagen’ an den großen Jeep angekoppelt war, sagte ich dem Vorarbeiter, was alles dort hinein gehört: Der staunte nur und meinte, ob ich das wirklich alles wegschmeißen wolle? Ja: der komplette Inhalt des rechten Kellers; Flohmarktartikel, Sammelsurien verschiedenster Art, Bücher, Comics, Regale und vieles mehr...

Im linken Keller: meine Werkbank samt fast allen Werkzeugen, inkl. Schraubstock und Bohrständer; Beleuchtungen, Regale und zwei Schränke samt Inhalt; fast alle Garten-Utensilien, Lacke und Farben und vieles mehr... Mein neuer Keller war viel zu klein, außerdem gab es keinen Strom dort.

Auf der Terrasse: Tisch und Stühle, Gartenliegen und Sonnenschirme, Pflanztöpfe und vieles mehr... Nur Rasenmäher und Gartenschlauch beließ ich dem Michael. Und einen kleinen, grünen Damenspaten.

Während unten weggeworfen wurde, legte ich oben weiter Hand an; dass es niemals klappen würde, war mir ja schon lange vollkommen klar geworden; wie es aber wirklich ausgehen sollte, stand in den Sternen...

Aber zu diesem trostlosen Zeitpunkt kam mir wieder ein Wunder zu Hilfe: Der Chef meinte am späten Nachmittag, dass er noch einen anderen Termin habe, den Rest würden sie morgen einpacken...
Wahrscheinlich aber wollten die Jungs nur das Fußball-Länderspiel sehen... Ich konnte das nicht, weil ich erstens keine Zeit hatte und zweitens mein Fernseher in einem Umzugswagen spazieren fuhr.

Michael war stocksauer, weil er morgen einen Termin hätte, aber der Chef meinte nur lapidar: „Wenn es aber anders nicht geht!“ So zogen sie ab, mit zwei Dritteln meiner Habe im Wagen. Ich war beileibe nicht unglücklich darüber!



Samstag, 1.7.2006


Um 7 Uhr 30 war es soweit: die Packer packten an, während ich noch die letzten Kartons im Keller einpackte.

In der neuen Wohnung wartete Bernie, der auch noch schnelle letzte Hand anlegte und die Böden fegte, während die Umzugsleute schon die ersten Teile durch das Fenster hievten: getragen wird heutzutage nicht mehr, geht alles über einen externen Aufzug durchs Fenster!

Ich radelte währenddessen zurück, putzte schnell die Wohnung durch, ließ mir von Michael, der sich doch von seinem Termin befreien konnte, die Kaution aushändigen - allerdings ohne Zinsen für 18 Jahre! Er habe keine Knete mehr, der Umzug hätte ihn viel zu viel gekostet, meinte er. Anfangs war ich stocksauer, aber dann dachte ich daran, dass wir es ohne diese professionellen Umzieher nie und niemals geschafft hätten...

Kurzer Abschied; die Putzsachen warf ich einfach in den Mülleimer, und ich radelte wieder in die neue Wohnung. Dort konnte ich gerade noch die Leute umdirigieren, die meine Möbel in die völlig falschen Räume an die Wände gestellt hatten! Um die Mittagszeit war es endlich soweit: feierlich weihte ich mein neues Chaos in der neuen Wohnung ein; Bernie war leider schon weg, und so trank ich das teure Apollinaris alleine...

Nachsätze:

Man wird sich fragen, warum ich nicht schon lange vorher angefangen hatte, meine Habseligkeiten einzupacken oder wegzuwerfen:

Ich war schon lange depressiv, irgendwann wurde mir alles völlig egal. Wenn ich schon auf der Straße landen würde, sollte sich der Michael um den ganzen Mist kümmern!

Als Notfallplan hatte sich die Wahnsinnsidee manifestiert, auf einem Zeltplatz zu hausen; in meinem Zelt hätte ich eh nur die notwendigsten Habseligkeiten untergebracht. Und bis zum Winter eine Wohnung zu finden, wäre bestimmt aussichtslos gewesen, nachdem ich schon fast zwei Jahre nach einer gesucht hatte! Außerdem: was sollte ich dann noch mit einer Wohnung, wenn ich sowieso nichts mehr habe? Und noch außerdem: im Winter würde ich im Zelt ja sowieso erfrieren, falls sie mich überhaupt auf dem Platz weiter campieren lassen würden…

Einen ganz überraschenden und lieben Vorschlag meines Kumpels Kalle, der zur Umzugszeit ja mit seinem Motorrad in Urlaub war, will und darf ich an dieser Stelle keinesfalls unerwähnt lassen:

Er wollte, wenn die Zeltsaison ihr Ende nehmen würde, mir für einige Zeit seine kleine Wohnung überlassen und solange bei seiner Freundin wohnen! Ein unglaublicher Dienst, den er mir da anbot! Und herzerweichend dazu… Aber dennoch wäre ich meiner Habe fast vollständig verlustig geworden; und, wie schon erwähnt: was sollte ich mit einer Wohnung, wenn mir nur Schlafsack, Luftmatratze, Zelt und der Inhalt von Rucksack und Reisetasche blieben? Falls ich überhaupt eine Wohnung finden sollte, wo ich doch eh schon fast zwei Jahre vergeblich gesucht hatte?

Natürlich wurde meine neue Wohnung eine hübsche und gemütliche.
Und der Balkon, der zwar ‚nur’ 5,50 Meter lang ist, dafür aber 1,70 Meter tief (im Gegensatz zu dem alten Balkon, der 9 Meter lang, aber nur 1,20 Meter tief war), wurde ein herrlicher und gemütlicher Ersatz für meinen ehemaligen Garten, dessen gepflegte Wildnis ich wegen meiner Wirbelsäulenprobleme wohl eh nicht mehr lange hätte aufrecht erhalten können.






Anmerkung zu den Bildern


Aufgrund einer defekten Datensicherung waren mir im Sommer 2008 rund 3.000 Originalfotos der letzten 3 Jahre abhanden gekommen! Dabei natürlich auch die Bilder des Umzugs, den ich fein säuberlich dokumentiert hatte.

Anfangs des Jahres 2010 entdeckte ich, dass auf einem längst vergessenen Server die Fotos der neuen Wohnung abgelegt waren! Diese tragen zwar in der unteren Ecke den Namen des Servers, aber das ist mir egal: Hauptsache, sie sind wieder da!
So beschloss ich also, die Story dieses Umzuges endlich aus meinen Notizen ins Reine zu schreiben und die Bilder auf meine Homepage zu stellen; leider blieben die Fotos mit dem Chaos der alten Wohnung aber verschwunden...

Zufall Anfang des Jahres 2012: Ich habe die Bilder der alten Wohnung entdeckt! Auf einer als kaputt markierten CD konnte ich die Fotos restaurieren...
Welch ein Glück, dass ich diese CD nicht weggeworfen hatte! Somit gibt es also auch eine Bilderserie der alten Wohnung im Chaos des Umzugs.